Politik
12.09.2015

Autorin Hyeonseo Lee im Interview Die Frau, die der Hölle Nordkorea entkam

Hyeonseo Lee verließ mit 17 Jahren ihr Land.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Hyeonseo Lee verließ mit 17 Jahren ihr Land.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Hyeonseo Lee ist mit 17 Jahren aus Nordkorea geflohen. In ihrem Buch "Schwarze Magnolie" berichtet sie von ihrem Leben vor und nach ihrer Flucht: "Ich hatte gelernt, Nordkorea sei das Paradies. Doch ich erkannte, dass das nicht stimmte." Heute lebt sie in Seoul und engagiert sich als Menschenrechtsaktivistin gegen das Kim-Regime und für Überläufer in Südkorea.

n-tv.de: Nordkorea gilt als eines der isoliertesten Länder der Welt. Doch Ihnen gelang 1997 die Flucht - und das unabsichtlich. Wie ging das?

Hyeonseo Lee: Es war die pure Neugier. Ich wollte mir ein Bild von der Außenwelt machen. Ich wohnte in Hyesan, das direkt an der Grenze zu China liegt. Der Fluss Yalu trennt die Länder, er ist an manchen Stellen gerade einmal zehn Meter breit. Doch als ich mich über den vereisten Fluss schlich, wusste ich nicht, dass es wohl die letzten Momente meines Lebens in Nordkorea sein würden.

Die Grenze zwischen Nordkorea und China: Oben liegt Hyesan, Lees Heimatsstadt, unten befindet sich die chinesische Stadt Changbai. Nur der schmale Yalu trennt die Staaten hier.

(Foto: REUTERS)

Was hatte sie so neugierig gemacht?

Die Grenze zwischen Nordkorea und China: Oben liegt Hyesan, Lees Heimatsstadt, unten befindet sich die chinesische Stadt Changbai. Nur der schmale Yalu trennt die Staaten hier.

(Foto: REUTERS)

Ich hatte gelernt, dass Nordkorea das Paradies sei. Wir waren die Besten auf dem Planeten. Doch auf den Straßen vor meinem Haus erkannte ich: Nordkorea war nicht das beste Land der Welt. Viele Nordkoreaner litten Mitte der 90er-Jahre unter der großen Hungersnot. Die Menschen waren vom Hunger gezeichnet, ich sah Menschen, die auf der Straße starben. Das war ein Schock für mich.

Und auf der anderen Seite des Flusses war die Welt eine andere?

Das konnte ich nur erahnen. An der Grenze konnten wir chinesische TV-Signale empfangen, was natürlich illegal war. Die Strafen dafür waren drakonisch, dennoch verschanzte ich mich in meinem Zimmer, um heimlich zu gucken. Es gab viel Werbung und Serien; die Menschen, die gezeigt wurden, sahen frei aus.

Sie wurden schon früh in Ihrem Leben Zeugin von Grausamkeiten. Ihre erste öffentliche Hinrichtung sahen Sie mit sieben Jahren.

Ich dachte damals, das sei normal. Wir wuchsen mit öffentlichen Hinrichtungen auf. Das Regime sagte, die Verurteilten seien Kriminelle, also glaubten wir es. Ich sah die Ermordeten nicht als Opfer. Öffentlichen Hinrichtungen beizuwohnen ist verpflichtend, auch für kleine Kinder. Die Hinrichtungen ermahnten einen regelmäßig, den Führern nicht den Gehorsam zu verweigern. Sonst würde man auf exakt dieselbe schreckliche Weise getötet werden wie das Opfer vor einem. Es ist sehr schmerzhaft, das mit anzusehen. Eine grausame Regel war es, dass die Angehörigen des Opfers in den ersten Reihen im Publikum zusehen mussten. Nur ein irres Regime tut Menschen so etwas an.

Straßenszene in Hyesan: Lee hatte gelernt, Nordkorea sei das beste Land der Welt.

(Foto: AP)

Sie begaben sich also auf die andere Seite des Flusses. Und plötzlich gab es kein Zurück mehr …

Straßenszene in Hyesan: Lee hatte gelernt, Nordkorea sei das beste Land der Welt.

(Foto: AP)

Ja, ich war bei Verwandten in China und nach einigen Tagen rief mich meine Mutter mit einem der illegalen chinesischen Handys an und teilte mir knapp mit, dass es Probleme gebe und ich nicht mehr zurück könne.

Das muss ein Schock gewesen sein, oder?

Es ist mir ein wenig unangenehm, aber im ersten Moment war ich froh. China war für mich als 17-Jährige unglaublich. Ich wollte in diesem Land leben.

Hatten Sie Schwierigkeiten, sich an das Leben in China zu gewöhnen?

Nur ein paar Monate später vermisste ich meine Heimat, meine Mutter, meinen Bruder. Ich war nach chinesischem Recht eine Illegale. Ich wurde von den chinesischen Behörden verfolgt. Einmal wurde ich sogar gefasst, einer meiner chinesischen Bekannten muss mich verraten haben. Ich dachte: "Jetzt hat mein letztes Stündlein geschlagen." Nach meiner Auslieferung wäre ich ins Gefängnis gesteckt, gefoltert oder hingerichtet worden. Und noch schlimmer: Sie hätten das alles auch meiner Familie angetan.

Wie konnten Sie dem entkommen?

Indem ich die Polizei davon überzeugte, dass ich wirklich ein chinesischer Staatsbürger sei, wie es meine gefälschten Papiere auswiesen. Von da an wechselte ich meine Identitäten immer wieder. Sechs Mal, genau genommen. Hyeonseo Lee ist der siebte Name in meinem Leben.

China schickt nordkoreanische Flüchtlinge konsequent zurück. Warum?

China weiß, dass Überläufer gefoltert und hingerichtet werden, wenn sie zurückgeschickt werden. Aber das Regime ignoriert das. Sie sagen einfach: "Es gibt keine Probleme, den Überläufern wird es gut gehen." China und Nordkorea verbindet noch aus der Zeit des Koreakriegs eine enge Freundschaft. Außerdem will China kein wiedervereinigtes Korea. Das würde schließlich bedeuten: Amerika käme in die direkte Nachbarschaft von China, und China hasst die USA. Nordkorea darf auf keinen Fall kollabieren. Außerdem handelt China mit Überläufern. Ein zurückgeschickter Überläufer bringt China einen großen Laster mit Holz.

Schließlich haben Sie Asyl in Südkorea beantragt - nach einer weiteren abenteuerlichen Reise nach Seoul. Fühlten Sie sich dort gleich zu Hause?

Von China nach Südkorea zu gelangen, ist nicht einfach. Aber ich habe es geschafft. Als ich ankam, dachte ich, die Südkoreaner würden mir ein herzliches Willkommen bereiten. Doch es kam ganz anders. Die Leute ignorierten uns Nordkoreaner, begegneten uns mit Vorurteilen oder starrten uns einfach nur an - ich war geschockt. Für Südkoreaner sind wir ein vergessenes Volk. Das hat mich sehr traurig gemacht. In Nordkorea sangen wir jeden Tag Lieder über die Wiedervereinigung. Im Süden hat das keiner mehr im Blick.

Das klingt desillusionierend.

Ja, manche Menschen gehen deswegen sogar zurück nach Nordkorea.

Sie haben schließlich beschlossen, Ihre Mutter und - eher unbeabsichtigt - auch Ihren Bruder aus Nordkorea zu befreien. Das war sowohl für Sie als auch Ihre Familie sehr gefährlich. Hat sich das trotzdem gelohnt oder bereuen Sie es, die beiden nachgeholt zu haben?

"Schwarze Magnolie" von Hyeonseo Lee ist im Heyne-Verlag erschienen.

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich bereue nicht wirklich, was ich getan habe. Ich habe dafür ein großes Risiko in Kauf genommen. Die Aktion hätte jeden von uns das Leben kosten können. Aber ich wollte meiner Familie einfach zeigen, dass es ein Leben in Freiheit gibt. Allerdings ist es schwer für meine Mutter. Sie lebte fast 60 Jahre in Nordkorea. Und zu fliehen bedeutete, dass sie nie mehr ihre Geschwister sehen wird. Sie vermisst sie noch heute jeden Tag. Sie sagt immer: "Ich will in Nordkorea sterben." Manchmal denke ich: Vielleicht will meine Mutter lieber ein einfaches nordkoreanisches Leben führen. Aber wir können es nicht rückgängig machen.

"Schwarze Magnolie" von Hyeonseo Lee ist im Heyne-Verlag erschienen.

Als Menschenrechtsaktivistin versuchen Sie, nordkoreanischen Überläufern zu helfen. Wie reagiert das nordkoreanische Regime darauf?

Vor zwei Wochen bekam ich einen Anruf der südkoreanischen Regierung, dass Nordkorea über das Buch verärgert ist. Ich glaube nicht, dass das Regime mich ermorden lassen will. Die Probleme, die daraus entstehen würden, wären größer als der Nutzen. Aber es ist denkbar, dass ich entführt werde. Wenn ich Städte wie London oder Berlin besuche, bin ich etwas vorsichtiger als sonst. Denn hier gibt es nordkoreanische Botschaften, denen ich mich nicht zu sehr nähere. Aber ich kann einfach nicht stillhalten, während das Regime die Menschenrechte mit Füßen tritt.

Mit Hyeonseo Lee sprach Johannes Graf

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Quelle: n-tv.de


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