Fußball-EM
04.07.2016

Italien? Leicht auszurechnen! Löws Nachhilfestunde für Scholl

Von Tobias Nordmann, Évian

Dreierkette, Mitte zumachen - so einfach ist das gegen Italien. Das versteht jetzt womöglich auch Mehmet Scholl.

(Foto: AP)

Dreierkette, Mitte zumachen - so einfach ist das gegen Italien. Das versteht jetzt womöglich auch Mehmet Scholl.

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Mehmet Scholl schimpft nach dem EM-Viertelfinalsieg der DFB-Elf gegen Italien tüchtig über die deutsche Taktik. Viele Medien raten ihm daraufhin, lieber den Ball flach zu halten. Nun wird Scholl auch vom Bundestrainer selbst düpiert.

Ermattet, verschwitzt, aber verdammt glücklich. Zum ersten Mal ist er besiegt, der Berg, der so oft so unbezwingbar schien. Nie zuvor hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft Italien in einem K.o.-Rundenspiel schlagen können, bis zu dieser dramatischen Samstagnacht von Bordeaux, als Jonas Hector das Elfmeterspektakel im EM-Viertelfinale zu einem guten Ende (7:6) für die DFB-Elf brachte. Das Team befreit, glücklich. Die Fans euphorisch. Und der Trainer auf dem Gipfel seiner Schaffenskraft. Doch kaum steht Joachim Löw da am Gipfelkreuz, zufrieden, zurückgelehnt, einen frischen Espresso in der Hand, stapft ARD-Wüterich Mehmet Scholl daher. Was für ein Käse diese Taktik doch war, urteilt der DFB-Chefkritiker. Dreierkette statt Vierkette. Pah! Eine Gefahr für die Statik sei das gewesen.

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Gut gegangen ist es dennoch. Ein bisschen glücklich, klar. Elfmeterschießen ist ja immer so eine Sache. Das gibt auch der Bundestrainer zu. Ansonsten habe seine Mannschaft das allerdings doch ziemlich prima hinbekommen, gegen diese Italiener, findet Löw. Vor allem die Abwehr. Diese angepasste Dreierkette mit Mats Hummels, Jérôme Boateng und Benedikt Höwedes, die hat doch kaum etwas zu gelassen, urteilt der 56-Jährige. Besonders Höwedes sei ja sehr stark gewesen. Fast jeden Zweikampf habe er gegen diese beiden Klassestürmer Graziano Pellé und Eder gewonnen. Folglich war es doch eine gute Idee, dieses auf des Gegners Spiel ausgerichtete Defensivkonstrukt, oder nicht? Und er, also der Löw, habe, so sagt er nun, zwei Tage nach dem Erreichen des Halbfinals einfach nur so gehandelt, wie es jeder Trainer tut, oder besser gesagt tun sollte.

"So gewinnt man Titel"

"Ein Elfmeterschießen habe ich so noch nie erlebt." Wenn das ein Weltmeister und dreimaliger Welttorhüter ...

(Foto: imago/Schüler)

... wie Manuel Neuer sagt, muss etwas Besonderes passiert sein.

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Im konkreten Fall, dem Fußballklassiker im EM-Viertelfinale zwischen Deutschland und Italien, war es ein Elfmeterschießen, das besonders wahnwitzig war - weil es erst im 18. Versuch entschieden wurde.

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Die Helden des nächsten großen Abends für Fußballdeutschland neben Neuer, der zwei Elfmeter parierte, ...

(Foto: imago/Hartenfelser)

... wurde dabei Jonas Hector.

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Als der Außenverteidiger des 1. FC Köln seinen Versuch in einem an Dramatik kaum zu überbietenden Elfmeterschießen verwandelt hatte, …

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… gab es bei der deutschen Mannschaft ...

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... kein Halten mehr.

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Denn es war Historisches geschehen: Deutschland setzte sich erstmals bei einem Großturnier gegen Angstgegner Italien durch, zog ins Halbfinale der Europameisterschaft ein und darf weiter vom Double aus WM- und EM-Titel träumen.

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Doch der Weg dorthin war erst intensiv und steinig und schließlich hochdramatisch.

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6:5 hieß es in Bordeaux am Ende im Elfmeterschießen und den besiegten Italienern standen die Tränen im Gesicht.

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Doch wäre Neuer nicht gewesen, die deutsche Mannschaft wäre wieder einmal gescheitert gegen ihren Angstgegner.

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Der amtierende Welttorhüter parierte die Schüsse von Leonardo Bonucci ...

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... und Matteo Damian …

(Foto: dpa)

... und sorgte dafür, dass eine eiserne Fußballregel auch unter Erfolgsbundestrainer Joachim Löw weiter gilt: Deutschland kann kein Elfmeterschießen verlieren.

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Auch dann nicht, wenn mit Thomas Müller, ...

(Foto: dpa)

... Mesut Özil und ...

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... Bastian Schweinsteiger gleich drei Weltmeister ihren Versuch mehr oder wenig kläglich vergeben.

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Weil vor Bonucci und Darmian schon die Italiener Simone Zaza ...

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... und Graziano Pellè zwar nicht an Neuer, aber dafür mit meilenweit vorbeigesetzten Schüssen an ihren Nerven gescheitert waren, …

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… konnte Hector plötzlich zum Helden werden.

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Und er behielt die Nerven. Mehr Mühe als sein Elfmeter machte ihm hinterher die Aufgabe, seinen goldenen Treffer zu kommentieren.

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"Das ist schwer in Worte zu fassen, ich bin überglücklich, dass er irgendwie reingegangen ist. Es waren nicht mehr viele Leute da. Irgendwann muss man dann, und dann hab ich mein Herz in die Hand genommen. Wir sind zum Glück eine Runde weiter. Es war sehr anstrengend. Natürlich war etwas Glück dabei", sagte Hector.

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Im neunten Versuch ist das Italien-Trauma damit überwunden, erstmals hat Deutschland die Italiener bei einem Turnier aus dem Turnier geworfen, statt selbst heimzufahren wie zuletzt im EM-Halbfinale 2012.

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Gegner im Halbfinale am kommenden Donnerstag in Marseille ist nun Gastgeber Frankreich oder Island.

(Foto: imago/Matthias Koch)

Auch wenn Mats Hummels dann wegen einer Gelbsperre fehlen wird, heißt das Ziel der DFB-Elf nun: 10. Juli, Paris, EM-Endspiel.

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"Finale ist drin, wenn man im Halbfinale steht", sagte Elferheld Neuer zuversichtlich, der im Duell der Torwartlegenden mit Gianluigi Buffon einen Tick titanesker gewesen war.

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Vor dem Halbfinaleinzug vom Elfmeterpunkt hatten die DFB-Kicker in Bordeaux allerdings Schwerstarbeit verrichten müssen, ...

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... 120 Minuten lang.

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Nach regulärer Spielzeit und Verlängerung hatte es 1:1 gestanden.

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Vor 38.764 Zuschauern in Bordeaux ...

(Foto: imago/Matthias Koch)

... hatte zunächst ein Treffer von Özil (65.) das Spiel aus seiner taktischen Erstarrung gerissen.

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Gomez setzte virtuos ...

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... Hector in Szene, dessen Hereingabe Özil souverän verwertete.

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Die deutsche Mannschaft hatte sich ihre Führung nach zaghaftem Beginn zunächst verdient.

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Sie tat nach der Pause mehr als die Italiener von Taktikfuchs Antonio Conte, die auf ihren Regisseur Daniele De Rossi verzichten mussten.

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Der starke Gomez hätte fast per Hacke das 2:0 erzielt (68.), Torhüter Gianluigi Buffon reagierte aber großartig.

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Kurz darauf musste Gomez (72.) verletzt vom Feld, er fehlte danach als Anspielstation und Brecher im Strafraum. Für ihn kam Julian Draxler.

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Italien kämpfte sich zurück ins Spiel und bekam dabei ...

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... unfreiwillig Hilfe durch den bis dahin herausragenden Jérôme Boateng.

(Foto: REUTERS)

Bedrängt von Giorgio Chiellini riss er im Strafraum beide Hände nach oben. Der Ball flog an seinen rechten Arm, Schiedsrichter Viktor Kassai (Ungarn) entschied zurecht auf Strafstoß.

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Neuer ahnte die Ecke, doch der Schuss von Leonardo Bonucci war zu scharf und platziert.

(Foto: dpa)

1:1 in der 78. Minute, alles wieder offen in Bordeaux.

(Foto: dpa)

Danach waren die Italiener in der regulären Spielzeit näher am Siegtreffer als die deutsche Elf, …

(Foto: AP)

… in der bereits ab der 15. Minute Kapitän Bastian Schweinsteiger den verletzten Sami Khedira ersetzen musste.

(Foto: imago/Horstmüller)

In der Verlängerung, als beide Mannschaften nicht mehr das letzte Risiko suchten, besaß dann Draxler die beste deutsche Gelegenheit (107.).

(Foto: dpa)

Der Rest war dann nur noch denkwürdig …

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… und wahnwitzig – mit dem glücklicheren Ende für Deutschland.

(Foto: imago/Moritz Müller)
03.07.2016 Sport Große EM-Schlacht mit ganz irrem Finale DFB-Team erzwingt Happy End gegen Italien

Anders allerdings, als Mehmet Scholl es offenbar tun würde. Der 45-Jährige - als Chefcoach bislang nur bei Bayerns U13 und der Reserve tätig - schimpfte nämlich unmittelbar nach dem aufwühlenden Elfmeterwahnsinn: "Warum bringt man eine Mannschaft, die so funktioniert, in so eine Situation?" Und total in Rage gewütet, arbeitet sich der 36-fache Ex-Nationalspieler nicht nur an Chefscout Urs Siegenthaler ab, den als Fehler-Einflüsterer des Bundestrainers ausgemacht hat, sondern auch noch an mehreren Beispielen, die seine These doch so schön stützen würden: "2008: angepasst und gegen Spanien verloren. 2010: angepasst an die Spanier - rausgeflogen. 2012: angepasst an die Italiener - rausgeflogen. Und jetzt kommt der Clou: 2014 hat Löw der Mannschaft vertraut und ab dem Viertelfinale mit der gleichen Aufstellung gespielt. So gewinnt man Titel."

Nun, noch ist Deutschland aber mit Frankreich, Wales und Portugal weiter im Verteiler, wenn am Sonntagabend die kontinentale Krone ausgelobt wird. Kann also nach 2014 direkt den nächsten großen Titel gewinnen. Und das trotz taktischer Anpassung. Löw freut das. Natürlich. Bestens gelaunt erklärt er daher dann trotz anstehendem Halbfinale gegen die plötzlich ins Rollen gekommenen Franzosen am Donnerstag (ab 21 Uhr im n-tv.de-Liveticker) der Welt gerne noch einmal, wie einfach es doch gewesen sei, diese so hochgelobten und cleveren Italiener zu entschlüsseln. Mit Dreierkette natürlich. Aber niemand solle jetzt bitte auf die Idee kommen, dass er sich irgendwie rechtfertigen wolle.

Löw platzt fast vor Stolz

Im stammtischseligen Plauderton zerlegt er jegliche Kritik an seiner Aufstellung. Sich am Gegner ausrichten? Ja, scho au, klar, alles andere wäre ja fahrlässig, sagt Löw. "Du kannst ja nicht ins Spiel gehen und sagen, wir spielen wie immer, es geht nur um unsere eigenen Stärken. Der Gegner ist uns eigentlich völlig egal." Naiv, wäre das, gar unprofessionell. Und gegen Italien ganz besonders. Aber nicht mit Löw und seinem Team. Die haben Italien nämlich schon vorher durchschaut, referiert der 56-Jährige.

Zwei Angriffsvarianten hätten die Azzurri, diese würden sie zwar absolut Weltklasse spielen, aber: "Das ist einfach ausrechenbar. Die Italiener wollten doch nur, dass wir angreifen und sie uns wunderschön auskontern können", so Löw. Also: Das Zentrum stärken und ihnen den Platz zum schnellen Gegenangriff nehmen. Drei Mann in einer defensiven Reihe ganz hinten und fünf Teamkollegen im Mittelfeld davor. Das alles schön variabel halten, ein bisschen verschieben - und finito. Den Italienern in die Karten spielen? Ne, ne, lieber das Blatt bunt durchmischen, selbst wenn man damit die eigene Offensive ein wenig schwächt. Denn auf Unordnung, da stehen sie gar nicht, die Männer von Trainer Antonio Conte.

Intelligenz und Geduld seien gegen so einen ausgebufften Gegner gefragt gewesen, erklärt Löw mit besonders ausladender Geste und intensiver Betonung. Der Bundestrainer sagt das stolz, sehr stolz sogar. Und hat er mit der Taktik nicht Italien über weite Strecken des Viertelfinalduells zumindest offensiv entzaubert? Hat er nicht die im Vorfeld der Partie sehr bemühte Traumadiskussion beendet? Hat er mit seiner Mannschaft nun nicht schon zum sechsten Mal in Serie bei einem großen Turnier das Halbfinale erreicht? Er hat. Und er weiß es. Und er lächelt. Und er sagt: "Es ist das Recht von jedem, eine andere Meinung zu haben. Für solche Dinge bin ich offen." Ende der Nachhilfestunde.

Quelle: n-tv.de

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