Infografik
25.05.2020

Epidemie-Lage in Deutschland Alle Daten, alle Fakten zum Coronavirus

Von Christoph Wolf und Martin Morcinek

Belastungsprobe für das Gesundheitssystem: Wie gut kann Deutschland mit dem Coronavirus-Ausbruch umgehen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Belastungsprobe für das Gesundheitssystem: Wie gut kann Deutschland mit dem Coronavirus-Ausbruch umgehen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Neun volle Wochen schon leben die Deutschen im Ausnahmezustand: In der laufenden Coronavirus-Pandemie gehen die Fallzahlen zwar zurück. Doch überstanden ist die Krise damit noch nicht, wie verschiedene lokale Ausbrüche zeigen. Die aktuelle Lage im Überblick.

Im Kampf gegen das Coronavirus in Deutschland zeichnet sich vor Beginn der letzten Mai-Woche ab, wie genau der Alltag unter den Bedingungen der "neuen Normalität" in den kommenden Monaten aussehen könnte: Die seit 23. März bundesweit geltenden Kontaktbeschränkungen sind laut Bund-Länder-Beschluss vom 6. Mai vorerst nur noch knapp zwölf Tage in Kraft. Wie es danach weitergeht, ist noch offen. Es kursiert eine Beschlussvorlage, in der von einer weiteren Verlängerung der Auflagen bis 5. Juli die Rede ist.

Einzelne Bundesländer treiben jedoch schon jetzt in Eigenregie weitere Lockerungsschritte voran. Für Thüringen zum Beispiel hat Ministerpräsident Bodo Ramelow die Corona-Beschränkungen schon bald komplett aufzuheben. Ein solches Vorgehen birgt gewisse Risiken.

Denn besiegt ist der Erreger Sars-CoV-2 noch lange nicht. In verschiedenen Regionen Deutschlands gelang es dem Virus bereits, sich neue Übertragungswege in die ungeschützte Öffentlichkeit zu suchen. Und noch immer gibt es kein ein Medikament zur Behandlung der an Covid-19 erkrankten Patienten. Offen ist auch noch, ob und wann es einen Impfstoff geben wird.

Hinweis: Karten und Infografiken werden laufend aktualisiert.

In den bundesweiten Fallzahlen sind bislang keine Anzeichen für den Beginn einer zweiten Welle zu erkennen. Wie aus der ntv-Auswertung der Meldedaten aus den 16 Bundesländern hervorgeht, ist die Gesamtzahl der seit Beginn des Coronavirus-Ausbruchs erfassten Infektionen bis Montagmittag auf 178.571 Fälle. Bislang haben allerdings erst zwei Länder neue Daten vorgelegt. Am Sonntag waren es insgesamt 378 Ansteckungen mehr als am Vorabend - die Fallzahlen-Statistik erreichte damit den geringsten Tageszuwachs bei den Neuinfektionen seit mehr als zwei Monaten.

Zwar zählt der Sonntag aufgrund der bekannten Wochenendeffekte im Berichtswesen üblicherweise zu den schwächeren Tagen. Doch ein Blick auf den Trend im Sieben-Tage-Durchschnitt bestätigt, wie stark die Meldedaten mittlerweile zurückgehen. Aktuell liegt das mehrtägige Mittel bei den Neuinfektionen bei 542 Fällen. Am Sonntag vor einer Woche wurden noch 470 neue Infektionen gemeldet.

Wie geht es nun in Deutschland weiter? Mit der zunehmenden Öffnung dürfte es in den kommenden Monaten immer wieder neue lokale Infektionsereignisse geben. Die Öffentlichkeit muss sich notgedrungen auf eine dauerhafte regionale Virenabwehr einrichten, wobei es von der Leistungsfähigkeit der Gesundheitsämter vor Ort abhängt, ob überregionale Ausbrüche und bundesweit ansteigende Fallzahlen vermieden werden können.

Aktuell scheint die Lage vergleichsweise gut unter Kontrolle: Einen unübersehbaren Rückgang gibt es zum Beispiel bei der Anzahl der Todesfälle. Im Lauf des Sonntags wurden bundesweit 21 Sterbefälle verzeichnet. Das sind zehn weniger als am Vortag. In den vergangenen Wochen wurde bisher nur am Sonntag, 10.5. weniger Pandemie-Sterbefälle pro Tag gemeldet. Insgesamt stieg die Zahl der im Zusammenhang mit einer Coronavirus-Infektion in Deutschland gestorbenen Menschen damit auf 8280.

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Da immer weniger Neuinfektionen hinzukommen und zugleich immer mehr Menschen als geheilt oder genesen gelten, muss sich naturgemäß auch die Zahl der verbleibenden akut Infizierten immer weiter verringern. In Deutschland liegt die Summe der amtsbekannten akuten Ansteckungsfälle den ntv-Berechnungen zufolge aktuell nur noch bei 11.367 Personen. Da diese Angaben jedoch auf amtlichen Schätzwerten aus den Ländern aufbauen und die Dauer einer Erkrankung stark variieren kann, liefert die Genesenenzahl hier nur einen groben Richtwert.

Doch auch so wird deutlich, dass ein Großteil der Infizierten die eigene Ansteckung bereits überstanden haben muss: Gut 158.900 Menschen gelten diesen Schätzungen zufolge bereits wieder als gesund. Das Robert-Koch-Institut (RKI) selbst schätzt die bundesweite Anzahl der Genesenen - Stand: Sonntag - sogar bereits auf 160.300 Personen. Auf Basis der RKI-Zahlen liegt die Zahl der Menschen, die in Deutschland derzeit noch akut infiziert sind, damit bereits unter 10.000.

Wie ein Blick auf die Deutschlandkarte der derzeit noch aktiven Infektionen zeigt, befindet sich das Virus in Deutschland auch in der Fläche auf dem Rückzug: Drei der 16 Bundesländer konnten am Sonntag keinen einzigen neuen Infektionsfall vermelden: Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern blieben ohne neue Ansteckungen. In Mecklenburg-Vorpommern konnte damit sogar bereits zum fünften Mal seit Beginn der Corona-Krise eine Tagesbilanz ohne Anstieg der Fallzahlen bekannt gegeben werden. Vier weitere Länder meldeten Neuzugänge in der Infektionsstatistik im einstelligen Bereich.

Die Masse der Erkrankten kam dabei mit leichten oder zumindest nicht lebensbedrohlichen Verläufen davon. Wie aus den Daten des RKI hervorgeht, liegt der Fall/Verstorbenen-Anteil in Deutschland weiterhin bei lediglich 4,6 Prozent - ein im internationalen Vergleich bemerkenswerte niedrige Zahl.

Für Unruhe sorgten zuletzt jedoch auffällige Bewegungen bei den Ansteckungsraten - also den beiden vom RKI veröffentlichten Schätzungen zur sogenannten Reproduktionszahl (R-Wert). Der herkömmliche R-Wert, der in den vergangenen Wochen zeitweise als wichtigster Indikator zur Epidemie-Lage in Deutschland gehandelt wurde, war in den vergangenen Tagen leicht angestiegen.

Mit Stand Sonntag gab das RKI den einfachen R-Wert mit 0,94 an, was einem deutlichen Anstieg zum Vortag (0,83) entspricht. Der empfindlichere der beiden R-Werte nähert sich damit dem kritischen Schwellenwert bei 1,0 wieder an. Die neu eingeführte, leicht modifizierte Ansteckungsrate namens "7-Tage-R" bewegte sich ebenfalls leicht nach oben und liegt den RKI-Angaben vom Sonntag zufolge aktuell bei 0,93.

Diese neu berechnete Reproduktionszahl soll eigentlich als stabilerer Richtwert dienen. Der Schätzwert stützt sich auf zwei vergrößerte Zeiträume, was die neue Kennziffer unabhängiger von kurzfristigen Schwankungen machen soll. Auf diese Weise wollen die Experten der Öffentlichkeit einen verlässlicheren Indikator zur Beurteilung der Infektionsdynamik an die Hand geben.

Nachdem die erste Welle der Pandemie in Deutschland weitgehend überstanden oder zumindest vorerst eingedämmt zu sein scheint, rücken die Fragen nach den massiven Nebenwirkungen des Bevölkerungsschutzes in den Vordergrund. Überall im Land mehren sich die Stimmen, die eine baldige Aufhebung der staatlichen Eingriffe und Kontaktbeschränkungen fordern.

Bundeskanzlerin Angela Merkel sah sich veranlasst, die kostspieligen und vielerorts auch schmerzhaften Eingriffe in das öffentliche Leben, die Freiheit und die wirtschaftlichen Aktivitäten erneut zu verteidigen. "Dieses Virus ist eine Zumutung für unsere Demokratie", bekräftigte Merkel eine frühere Formulierung. Dennoch seien die Beschränkungen "notwendig" gewesen.

Merkel äußerte sich anlässlich des Verfassungstags zu den Maßnahmen von Bund und Ländern im Kampf gegen das Virus. Die Regierung mache es sich "natürlich mit den Beschränkungen von Grundrechten nicht einfach", sagte sie in ihrem wöchentlichen Podcast. Deshalb sollten diese so kurz wie möglich sein. "Aber sie waren notwendig", betonte Merkel.

Es sei gerade jetzt unerlässlich, die Prinzipien des Grundgesetzes zu achten, führte Merkel weiter aus. "Ganz besonders ist dabei der Artikel 1 wichtig: Die Würde des Menschen ist unantastbar." Dazu gehöre auch, eine Überforderung des Gesundheitssystems zu verhindern, was bislang gelungen sei.

Bei den Lockerungen der Pandemie-Maßnahmen müsse die Verhältnismäßigkeit der Beschränkungen gewahrt bleiben. Es müsse immer wieder begründet werden, "warum wir etwas noch nicht aufheben und warum wir etwas schon lockern können", sagte Merkel. In mehreren deutschen Städten war es am Samstag erneut zu Protesten gegen die Corona-Auflagen gekommen.

Seit der Bund-Länder-Vereinbarung vom 6. Mai liegt die Verantwortung für weitere Öffnungsschritte bei den Ländern. In Thüringen könnten die Einschränkungen im öffentlichen Leben und der Wirtschaft schon bald wegfallen. Ministerpräsident Bodo Ramelow stellte ein Ende der landesweit geltenden Corona-Beschränkungen in seinem Bundesland ab Anfang kommenden Monats in Aussicht.

"Ab 6. Juni möchte ich den allgemeinen Lockdown aufheben und durch ein Maßnahmenpaket ersetzen, bei dem die lokalen Ermächtigungen im Vordergrund stehen", sagte Ramelow der "Thüringer Allgemeinen". "Es sollen nur noch Empfehlungen ausgesprochen werden."

Weitere Länderchefs könnten schon bald nachziehen. Reaktionen aus anderen Bundesländern auf die Pläne Thüringens gab es am Samstag zunächst nur vereinzelt. Ein Sprecher der Landesregierung Baden-Württemberg sagte: "Die Länder sind sehr unterschiedlich vom Virus betroffen, was im gewissen Rahmen auch zur unterschiedlichen Handhabung der Maßnahmen führt." Pläne wie in Thüringen kämen derzeit für Baden-Württemberg nicht in Betracht. "Wir lockern die Maßnahmen stetig, aber Schritt um Schritt und mit Umsicht", hieß es.

Für Hessen sagte ein Regierungssprecher, das Land wolle bei den bestehenden Regeln bleiben. "Wir kommentieren nicht jeden Vorschlag." Aus Hamburg hieß es, der Senat prüfe weitere Schritte zur Aufhebung von Kontaktbeschränkungen. Auch die Staatskanzlei in München wollte keinen Kommentar abgeben.

Mit Blick auf die Lage in dem bislang am schwersten betroffenen Bundesland hatte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder bereits am Freitagabend von wichtigen Erfolgen im Kampf gegen das Coronavirus, warnte zugleich aber vor Sorglosigkeit. Man habe das Schlimmste vorerst überstanden, sagte der CSU-Chef in seiner Rede auf dem ersten Internet-Parteitag der CSU-Geschichte. "Wir sind ganz gut durchgekommen."

Die vergangenen Wochen seien eine unglaubliche Bewährungsprobe für das Gesundheitssystem, für die Politik und die Bevölkerung gewesen, sagte Söder. "Corona" bleibe aber eine existenzielle Herausforderung. "Wir bleiben dabei: Umsicht und Vorsicht und Besonnenheit ist unser entscheidender Ratgeber."

Die gesunkenen Fallzahlen können bei aller Dringlichkeit weiterer Lockerungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Risiken neuer Ansteckungen weiterhin gegeben sind: Probleme bereitet den Gesundheitsbehörden vor Ort derzeit vor allem das lokale Aufflackern neuer Infektionsherde.

In Niedersachsen etwa gaben die Behörden am Wochenende einen neuen Coronavirus-Ausbruch bekannt. In einem Restaurant im Landkreis Leer infizierten sich offenbar mehrere Gäste, wie der Landkreis mitteilte. Die Infektionen seien den Ämtern zwischen Dienstag und Freitag gemeldet worden. Für mehr als vier Dutzend Menschen wurde vorsorglich häusliche Quarantäne angeordnet. Zuvor war in dem Landkreis eine Woche lang überhaupt keine Neuinfektion gemeldet worden.

Einen weiteren lokalen Ausbruch gab es in Hessen: Dort steckten sich bisherigen Erkenntnissen zufolge eine größere Zahl an Menschen im Zusammenhang mit einem Gottesdienst in einer Kirchengemeinde in Frankfurt an. Die benachbarte Stadt Hanau teilte daraufhin mit, dass nach Informationen des Main-Kinzig-Kreises sich im Zusammenhang mit dem Gottesdienst "mindestens 16 Personen aus Hanau mit dem Corona-Virus infiziert haben".

Deshalb hätten der Landkreis und die Stadt ein für Sonntag geplantes Fastengebet von Muslimen im Hanauer Herbert-Dröse-Stadion abgesagt. Die Veranstaltung wäre mit Blick auf die Geschehnisse in Frankfurt unverantwortlich, hieß es.

Zuvor hatten bereits Ansteckungen in sozialen Einrichtungen oder in Produktionsstätten, vor allem in Schlachtbetrieben, in verschiedenen Regionen Deutschlands die Fallzahlen nach oben getrieben. Einzelne Städte und Landkreise waren dabei zeitweise auch über die in den Bund-Länder-Beschlüssen vereinbarte kritische Obergrenze von 50 Neuinfektionen binnen einer Woche je 100.000 Einwohnern geraten.

Am Sonntag lag jedoch bereits den dritten Tag in Folge kein einziger der mehr als 400 Kreise in Deutschland über der Alarmschwelle. "Die Anzahl der neu übermittelten Fälle in Deutschland ist rückläufig", heißt es kurz und knapp im aktuellen RKI-Lagebericht. Die "Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung" schätzen die Experten derzeit jedoch insgesamt weiter als "hoch" ein, für Risikogruppen sogar als "sehr hoch".

Das Risiko variiere von Region zu Region, heißt es. "Die Belastung des Gesundheitswesens hängt maßgeblich von der regionalen Verbreitung der Infektion, den vorhandenen Kapazitäten und den eingeleiteten Gegenmaßnahmen (Isolierung, Quarantäne, physische Distanzierung) ab und kann örtlich sehr hoch sein." Diese Einschätzung, warnen die Virenwächter, könne sich kurzfristig ändern.

Insgesamt jedoch scheint die neue, regionalisierte Corona-Strategie in Deutschland bislang aufzugehen: Mitarbeiter des Gesundheitsdienstes vor Ort versuchen, Infizierte so frühzeitig wie möglich zu isolieren und alle Kontaktpersonen ausfindig zu machen. Auf diese Weise sollen weitere Ansteckungen verhindert werden. Überregionale Lockdown-Anordnungen sind bisher nicht erforderlich gewesen. In der Mehrheit der Städte und Gemeinden gehen die Fallzahlen zurück.

Mit dem Abebben der Ansteckungswelle tritt Deutschland in eine neue Phase ein: Am 6. Mai hatten sich Bund und Länder auf eine Neuausrichtung der deutschen Pandemie-Strategie geeinigt. Beschlossen wurde eine schrittweise Lockerung und eine Regionalisierung der bisher bundesweit geltenden Eindämmungsmaßnahmen.

In den Vereinbarungen war von einem "Pfad zur schrittweisen Öffnung" die Rede. Wenn die Neuinfiziertenzahlen weiter niedrig bleiben, hieß es, sollen die Länder "in eigener Verantwortung" und "vor dem Hintergrund landesspezifischer Besonderheiten" und des "jeweiligen Infektionsgeschehens" die weiteren Schritte "auf der Grundlage von Hygiene- und Abstandskonzepten der jeweiligen Fachministerkonferenzen" gehen.

Weiterhin gelten demnach der Mindestabstand von eineinhalb Metern und die Maskenpflicht im öffentlichen Raum, vor allem im Nahverkehr und in Geschäften. Angesichts der gesunkenen Zahlen bei den Neuinfektionen war jedoch der Weg frei für spürbare Erleichterungen im öffentlichen Leben.

Alle Geschäfte konnten unabhängig von ihrer Größe unter bestimmten "Auflagen zur Hygiene, zur Steuerung des Zutritts und zur Vermeidung von Warteschlangen" wieder öffnen. Der Schulbetrieb sollte unter der Regie der Länder langsam wieder anlaufen, ebenso die Kinderbetreuung, das Arbeitsleben, der Breitensport, der Kulturbetrieb und selbst die Fußball-Bundesliga.

Die Beschlüsse enthielten jedoch auch klare Warnungen: "Mit jedem zusätzlichen Grad der Öffnung wird es umso wichtiger, dass Abstands- und Hygieneregeln weiter konsequent eingehalten werden", heißt es etwa, "weil durch die zunehmende Zahl an Kontakten die Gefahr des Entstehens neuer Infektionsketten steigt".

Solche neue Ansteckungsereignisse müssten "schnell erkannt und unterbrochen werden." An vorderster Front steht dabei der öffentliche Gesundheitsdienst, der im Fall einer Infektion möglichst rasche alle Kontaktpersonen nachverfolgen soll.

Die Bundesregierung geht nach Angaben Merkels davon aus, dass die Gefahr weiterer Ausbrüche bis zu einer bestimmen Obergrenze von aktuell Infizierten in den Griff zu bekommen ist. Bei 50 akut Infizierten pro 100.000 Einwohner sei die Nachvollziehbarkeit der Kontaktkette noch gegeben, betonte sie. Im Freistaat Bayern wurde diese Warnschwelle zuletzt jedoch von 50 auf 35 Neuinfektionen binnen einer Woche je 100.000 Einwohner abgesenkt.

Sobald es zu einer "regionalen Dynamik mit hohen Neuinfektionszahlen und schnellem Anstieg der Infektionsrate" kommt, müssen die Behörden vor Ort, wie es in den Bund-Länder-Beschlüssen hieß, "sofort" mit Beschränkungen reagieren.

In diesem Fall könnte dann auch die gesamte "nicht erforderliche Mobilität in die betroffenen Gebiete hinein und aus ihnen heraus" beschränkt werden, insbesondere "wenn die Zahl weiter steigt und es keine Gewissheit gibt, dass die Infektionsketten bereits umfassend unterbrochen werden konnten."

Deutschland lebt mittlerweile seit dem 23. März - und damit schon fast acht volle Wochen - unter den Bedingungen des Pandemie-Ernstfalls. In Teilen der Gesellschaft drohen die einschneidenden Schutzmaßnahmen zur Eindämmung der Ansteckungswelle mittlerweile rapide an Rückhalt zu verlieren.

Anlass für eine rasche Aufhebung der Schutzmaßnahmen sehen Epidemie-Experten nicht. Im Gegenteil: Im Robert-Koch-Institut, das den Kampf gegen den Erreger in Deutschland federführend koordiniert, verfolgen die Epidemiologen die Debatte um weitere Lockerungen offenkundig mit Sorge.

Das Lagebild, das sich aus den einzelnen Pandemie-Parametern ergibt, zeigt ohnehin nur eine Momentaufnahme. Das tatsächliche Infektionsgeschehen ist darin nur indirekt und mit der beschriebenen zeitlichen Verzögerung zu sehen.

Doch selbst im Fall einer weiteren Abschwächung der Pandemie-Dynamik wäre die drohende Krise in der Gesundheitsversorgung noch lange nicht ausgestanden. Solang es keinen wirksamen Impfschutz gibt, sind jederzeit neue lokale Ausbrüche wie etwa im Kreis Heinsberg oder im nordostbayrischen Kreis Tirschenreuth möglich.

Zur Eindämmung der von dem Erreger übertragenen Atemwegserkrankung Covid-19 ist das Tragen von Schutzmasken in ganz Deutschland Pflicht. In mittlerweile allen Bundesländern gilt das für den öffentlichen Nahverkehr sowie für das Einkaufen in Geschäften.

Die Vorschrift, Mund und Nase mit Stoff zu bedecken, soll das Risiko verringern, dass unerkannt Infizierte unbeabsichtigt Mitmenschen mit dem Virus anstecken. Für die Schutzwirkung ist es dabei unerheblich, ob es sich um einfache OP-Masken oder selbstgenähte Stoffmasken oder über das Gesicht gezogene Schals und Tücher handelt.

Als wichtigste Gegenmaßnahmen pocht das RKI weiterhin auf die frühzeitige Entdeckung und Isolierung aller infizierten Personen, die strikte Quarantäne aller betroffenen Kontaktpersonen sowie die soziale Distanzierung in der übrigen Bevölkerung.

Nur auf diese Weise, sagen die Experten könne die "Infektionsketten" unterbrochen werden und die weitere Ausbreitung des Virus eingedämmt werden. Das Robert Koch-Institut empfiehlt dazu mittlerweile auch eine Ausweitung der Coronavirus-Tests.

Auch bei leichten Symptomen solle sofort getestet werden, je früher desto besser, wie RKI-Präsident Lothar Wieler Anfang Mai erklärte. Eine generelle Testung der Bevölkerung ohne Symptome sei jedoch nicht ratsam.

Abhängig von der Situation sei es aber sinnvoll, Risikogruppen durch häufigere Tests besser zu schützen - zum Beispiel in Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen. Denn Infizierte könnten das Virus ausscheiden, bevor sie Symptome spürten.

Dass die Fallzahlen bei ntv.de in der Regel über den vom RKI ausgewiesenen Werten liegen, hat leicht nachvollziehbare Gründe: Bei der Auswertung der Datenlage greift ntv.de auf die Angaben der Gesundheitsbehörden und Ministerien der Länder zurück. Dort werden die Zahlen - unabhängig von den formellen Meldewegen des Infektionsschutzgesetzes - teils mehrfach täglich aktualisiert und erreichen die Öffentlichkeit so schneller als über die amtliche RKI-Statistik.

Diese Angaben wertet ntv.de aus, gleicht sie mit den Angaben des RKI ab und bezieht im Fall aktueller Entwicklungen auch einzelne Mitteilungen von Landesregierungen oder Ministerien mit ein. Auf dieser Basis entsteht ein aktuelles Gesamtbild, das die tagesaktuelle Entwicklung schneller abbildet als die offizielle Zahlensammlung des RKI. Ausschlaggebend für die medizinische und politische Beurteilung der Lage sind jedoch allein die amtlich bestätigten RKI-Zahlen. Dort werden die täglich bis Mitternacht eingehenden Meldungen überprüft und, so weit möglich, den jeweiligen Vortagen zugeordnet.

Daraus ergibt sich ein wichtiger Unterschied zwischen Falldaten und Meldedaten: Ein täglich Anstieg um 1000 neu gemeldete Ansteckungen heißt nicht, dass all diese Infektionen am gleichen Tag entdeckt wurden. Nachmeldungen können dazu führen, dass die Höhe der täglichen Fallzahlen in der amtlichen Statistik nachträglich noch verändern.

Dieser Umstand schränkt die Aussagekraft der von den Landesbehörden veröffentlichten Meldedaten natürlich ein. Im RKI ist man sich sehr wohl bewusst, dass es auf dem Weg vom Gesundheitsamt vor Ort bis nach Berlin Verzögerungen gibt, insbesondere an und nach den Wochenenden. Die Experten dort gehen aber davon aus, dass es sich lediglich um einen zeitlichen Verzug handelt, der allein der Einhaltung der gesetzlich vorgeschriebenen Meldeverfahren geschuldet ist.

In der Datenübersicht bei ntv.de ergibt sich die Angabe der "aktuell Infizierten" aus der Summe der über den gesamten Zeitverlauf bestätigten Infektionen abzüglich der Anzahl der Verstorbenen und der Menge jener Personen, die ihre Erkrankung als geheilt und nicht mehr ansteckend überstanden haben. Wenn Bundesländer eigene Schätzungen zur Zahl der Genesenen veröffentlichen, werden diese Daten berücksichtigt. Dies ist derzeit bei 14 der 16 Bundesländer der Fall. Die beiden Ausnahmen stellen Hessen und Schleswig-Holstein.

Dort übernehmen die Behörden die aus Berlin für ihr Land ermittelte Schätzung, während die übrigen Länder bei der Schätzung per RKI-Methode auf einen jeweils niedrigeren Wert kommen als das Robert-Koch-Institut selbst. Das RKI stellt seit 22. März auch eine eigene amtliche Schätzung zur Gesamtzahl der Genesenen in Deutschland zur Verfügung. Für Länder wie zum Beispiel China oder Südkorea liegen dazu detaillierte Angaben vor, was wichtige Hinweise zum tatsächlichen Stand des Infektionsgeschehens ermöglicht. In Deutschland dagegen werden die geheilten Covid-19-Patienten in der amtlichen Statistik nicht zentral erfasst.

"Daten darüber, ob ein Patient wieder genesen ist, werden nicht offiziell erhoben", heißt es dazu beim RKI. "Die Erhebung ist auch nicht gesetzlich vorgesehen. Das würde die ohnehin knappen Ressourcen unnötigerweise belasten, da sie dafür jeden Fall über Wochen verfolgen müssten und daraus keine weiteren Maßnahmen erfolgen."

Umfangreichere Daten zur Anzahl der Genesenen und Geheilten gibt es aus den meisten Bundesländern bisher überdies nur für die klinisch erfassten Fälle. Menschen, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, sich aber mit milden Symptomen zu Hause in Quarantäne befinden, werden nach Ablauf der Isolationsfrist bisher nicht an das RKI gemeldet. Sie gelten in den Schätzungen bisher nach 14 Tagen als genesen.

Für die Darstellung in Karten und Infografiken zur Lage außerhalb Deutschlands wertet ntv.de neben den Zahlen des RKI und den offiziell gemeldeten Fällen der Landesbehörden auch überregionale Datenbestände aus.

Die aktuellen Fallzahlen aus China und den übrigen Teilen der Welt etwa verzeichnet unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO. Auch das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC), eine Agentur der EU, sowie das US-Pendant CDC bieten jeweils eigene Überblicke zur Verbreitung des neuen Coronavirus.

Wie hoch die Dunkelziffer in den einzelnen Staaten jeweils angesetzt werden muss, ist unklar. Schätzungen dazu sind abhängig von einer ganzen Reihe regionaler Unterschiede und Faktoren, wie etwa der Anzahl der durchgeführten Tests oder der Leistungsfähigkeit in den lokalen Gesundheitssystemen. Längst nicht alle Infizierten entwickeln auch Symptome der von dem Erreger ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19. Ansteckend können solche sogenannten asymptomatischen Fälle bisherigen Erkenntnissen zufolge trotzdem sein. Das macht diesen Personenkreis zur Gefahr für Mitmenschen.

Die Angaben zur Letalitätsrate - die in der ntv.de Berichterstattung in der Regel vereinfacht als Verhältnis der Virus-Toten zur Gesamtzahl der Infizierten wiedergegeben wird - sind ausdrücklich als vorläufige Angaben zu verstehen. Die Werte können sich im Verlauf der Entwicklung noch nach oben oder unten bewegen. Das Science Media Center (SMC) in Köln bietet dazu ein ausführliches Factsheet mit Hinweisen zur Letalitätsberechnung.

Die breite Öffentlichkeit steht den Risiken der Coronavirus-Pandemie nicht hilflos gegenüber: Mediziner raten grundsätzlich zur generellen Vorsorge - unabhängig vom individuellen Risiko. Wer die gängigen Hygieneratschläge beachte, heißt es, könne sich gleichermaßen vor einer Ansteckung mit der Grippe, dem Coronavirus und nahezu allen anderen ansteckenden Viren-Infektionen schützen.

Dazu zählen Gesundheitsexperten vor allem einfache Maßnahmen, die ohne aufwendige Desinfektionsmittel auskommen: Schon das regelmäßige Händewaschen und die sogenannte Husten- und Nies-Etikette, heißt es, können das generelle Ansteckungsrisiko erheblich verringern.

Quelle: ntv.de , mit Material von dpa, rts und AFP

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