Samstag, 20. März 2021

Aus der Schmoll-Ecke Esken und ihr kindlicher Eso-Plumperquatsch

"Wishes for You" von der britischen Schriftstellerin Adéle Geras dürfte Vorbild für Eskens irischen Segensspruch gewesen sein.

(Foto: Thomas Schmoll)

Die halbe SPD-Vorsitzende präsentiert auf ihrem Twitter-Kanal einen "irischen Segensspruch". Er passt zu der moralisch tadellosen Anstandswauwau*in mit Hang zum Spießertum. Unser Kolumnist wollte wissen, woher die Zeilen stammen könnten - und wurde fündig.

Ich weiß nicht, ob Sie es mitbekommen haben: Seit geraumer Zeit sind Konzertsäle, Opernhäuser, Theater und Kinos zu. Wegen des fiesen Virus. So steht es jedenfalls in der Wahrheitspresse. Aber es gibt Hoffnung: Die Koalition will sich gleich im Sommer, wenn alle geimpft sind, an einen Wiedereröffnungsplan setzen, der von der neuen Regierung 2022 überarbeitet und zügig umgesetzt werden soll für die paar staatlich subventionierten Kultureinrichtungen, die dann noch nicht pleite sind.

Ich freue mich drauf, denn ich schätze die Hochkultur und will den Rest meines Lebens nicht nur mit CDs und Büchern verbringen. Ich höre viel Musik, die hoffentlich nicht auf den Index gerät, weil sie in Zeiten entstand, in der der Adel noch das Sagen hatte, Sklavenhandel erlaubt war und Frauen kein Wahlrecht hatten. Auch die Dichtkunst ist mein Ding. Ich kenne den Unterschied zwischen Zauberberg und Mount Everest. Toll, wa?

Ich sitze gerade an einem Gedicht, das ich Ende des Jahres im Bundestag bei der Amtseinführung der nagelneuen Kanzlerin* (Baerbock, Habeck) oder des taufrischen Kanzlers (Laschet, Söder) vortragen möchte, falls man mich lässt. Es ist denkbar, dass mein sächsischer Dialekt als Zumutung für den Rest der Republik betrachtet wird. Wenn ich darf, verkünde ich hier schon einmal, nichts dagegen zu haben, wenn mein Werk von einem Schwarzen, einem Schwarzen, der sein Gesicht weiß anmalt, einem Muslim, einer Frau oder einer Frau, die ein Mann war, übersetzt wird. Als Sehr-Gutmensch wurde ich Toleranz von beiden Co-Elternteilen gelehrt.

So viele Gendersterne am Himmel

Ich hatte Grund, mich mit Gedichten zu befassen. Wann immer ich auf dem Twitter-Kanal von Saskia Esken, der halben SPD-Vorsitzenden, vorbeischaue, erfasst mich sibirisch-kalter Schauer. Dort ist zu lesen: "Möge stets jemand an deiner Seite sein, mit dem du lachen kannst und der deine Lieder kennt. Und am Ende des Tages hülle dich der Mantel der Liebe und des Friedens ein (Irischer Segensspruch)."

Derlei pseudoreligiöse Kalendersprüche lösen in mir Reaktionen aus, die ich hier besser nicht näher erläutere. Der Unsinn passt jedoch zu einer spaßbefreiten Spießerin wie Esken, dieser biederen Ideologin, moralisch tadellosen und zutiefst lustfeindlichen Anstandswauwau*in, die sich für altgediente Parteimitglieder wie Wolfgang Thierse schämt, weil der nicht mit ihr Gendersterne am Himmel zählen will. Unfassbar, dass diese Frau eine Nachfolgerin des großen Willy Brandt ist, der mit seinem Kniefall in Warschau Weltgeschichte schrieb, während sich Esken und ihr Knappe Kevin mit einem Kniefall vor dem Twitter-Mob begnügen.

Eskens "irischer Segensspruch" ist Ausdruck des kitschigen Betroffenheitsjargons, der in derlei Kreisen gang und gäbe ist, wenn man im Yoga-Sitz im abbezahlten Einfamilienhaus berät, wie der Klimawandel zu stoppen wäre: Was macht es mit dir, wenn du mit ansehen musst, wie die Welt untergeht? Ich sehe es vor mir, wie Esken zu ihren Mitstreitenden, wie Mitstreiterinnen und Mitstreiter neuerdings genannt werden, damit niemand ausgeschlossen wird, sagt: "Wir müssen positiv bleiben." Und alle denken: He? Negativ ist doch das neue Positiv. Aber niemand wagt es, zu widersprechen. Lieber machen sie am nächsten Tag einen Corona-Test.

Hasen- und Igel-Idylle

Eskens "irischer Segensspruch" ist nicht weit weg von den esoterischen Durchhalteparolen sich selbst beweihräuchernder Leer- und Querdenker, die nach einem Bekenntnis, sich nicht impfen zu lassen, auf Facebook zu einem Foto mit Sonnenuntergang schreiben: "Das Leben beginnt dort, wo die Angst endet." So simpel ist es also, das Unterbewusste in den Griff zu kriegen. Glückwunsch!

Dank seiner Recherche ist der Kolumnist nun auch Besitzer eines Kinderbuchs.

(Foto: Thomas Schmoll)

Dank seiner Recherche ist der Kolumnist nun auch Besitzer eines Kinderbuchs.

(Foto: Thomas Schmoll)

Jedenfalls wollte ich herausfinden, woher Eskens "irischer Segensspruch" kommt, begann mit der Recherche und stieß bald auf ein spannendes Thema. Irische Segenssprüche sind ein Charakteristikum keltischer Spiritualität aus einer Zeit, in der der Glauben extrem wichtig war für die Menschen. Allerdings sagte mein Moppelbauch: Der Esken-Text ist nicht alt. Es dauerte lange, bis ich einen Experten fand, der mit mir darüber reden wollte. (Er will namentlich nicht genannt werden.) Der Mann berichtete von - der mir bis dahin unbekannten - "Carmina Gadelica", einer Mitte des 19. Jahrhunderts begonnenen Sammlung keltischer Sprüche, Segensworte, Gebete und Lieder. Esken betreffend sagte er: "Der ist mit ziemlicher Sicherheit nicht alt. Solcher Kitsch ist typisch für Nachahmungen."

Also suchte ich weiter und wurde mithilfe der Übersetzung ins Englische fündig. Die Zeilen dürften (abgewandelt) aus dem Kinderbuch "Wishes for You" von der britischen Schriftstellerin Adèle Geras stammen. Im Deutschen ist das Buch mit dem Titel "Wünsche für dein Leben" erschienen, die Textstelle lautet: "Möge stets jemand an deiner Seite sein, der dir Worte des Lebens sagt; der in dein Leben einstimmt und deine Lieder kennt." Das Werk beginnt mit: "Ich wünsche dir", weshalb der Ausschnitt im Gesamtkontext - und umgeben von Zeichnungen vergnügter Hasen und Igel - eine ganz andere Wirkung entfaltet als auf dem Twitter-Kanal einer Politikerin.

Tochter eines britischen Kolonialisten

Ich habe Adèle Geras gefragt, ob die Idee auf irischen Segenssprüchen beruht. Sie antwortete mit britischem Humor: "Ich fürchte, mein Buch basiert auf überhaupt nichts. Alles mein eigenes Zeug. Sehr eigenartig!" Die Autorin ist 1944 in Jerusalem geboren, als Großbritannien mit Mandat des Völkerbundes bei der "Errichtung einer nationalen Heimstätte für das jüdische Volk" auf dem Gebiet von Palästina half. Ich werde Thierse stecken, dass der Vater von Adèle Geras viele Jahre im Kolonialdienst - hieß wirklich so - des Vereinigten Königreichs arbeitete. Dann kann er seiner halben Vorsitzenden vorwerfen, den Text der Tochter eines britischen Kolonialisten auf Twitter zu nutzen. Das gibt einen Shitstorm, der bis zur Mohrenstraße reicht.



Esken wird sich trotzdem weiter mit ihrer Selbstgerechtigkeit, Besserwisserei und Pseudotoleranz panzern. Markus Feldenkirchen vom "Spiegel" fragte sie vor einigen Wochen: "Wer wäre Ihnen denn lieber als Bundeskanzlerin, Robert Habeck oder Annalena Baerbock?" Die Oberlehrerin war sofort zur Stelle, dem Journalisten zu beweisen, wie mega-schlau sie ist und dass er, der Depp, was Falsches gesagt hatte, um dann selbst - Fehler! - das "als" im ersten Satz ihrer Antwort zu vergessen: "Bundeskanzlerin wäre wahrscheinlich nur Annalena Baerbock geeignet."

Das hat die SPD davon, Hinz und Kunz und Uschi und Gerlinde über den Parteivorsitz abstimmen zu lassen. Man muss nur Glück und Geduld haben, um an die Macht zu kommen. "Irgendeiner wartet immer", heißt es - auch hübsch banal - kurz vor dem Ende eines berühmten Films. Obwohl ich es der SPD nicht wünsche, passt sein Titel zu Eskens Partei: "Spiel mir das Lied vom Tod."

Quelle: ntv.de

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