Sonntag, 19. Dezember 2021

Krippen aus Flüchtlingsbooten Häftlinge schnitzen Hoffnungsbotschaften

Krippen in der Geigenwerkstatt der Haftanstalt Opera.

(Foto: Greta Corbella)

Eigentlich bauen sie Geigen. Aber kurz vor Weihnachten haben Häftlinge einer Strafanstalt bei Mailand ein ganz besonderes Projekt: Sie schnitzen Krippen. Das Holz dafür kommt aus Lampedusa und erzählt von Leid und Neuanfang.

Es heißt, Weihnachten sei das Fest der Hoffnung. Man mag daran glauben oder nicht. Tatsache ist, dass es ohne dieses Fest die folgende, ermutigende Geschichte nicht gäbe. Auf Lampedusa lebt der Tischlermeister und Kunsthandwerker Francesco Tuccio. Seit Jahren sammelt er entlang der Inselstrände das Holz der Wracks von Flüchtlingsbooten, die von der libyschen Küste in See stechen und in Lampedusa stranden - oder oft davor kentern.

Häftling Vincenzo Cattaneo, Häftling Nicolae Stoleru, Stiftungsvorsitzender Arnoldo Mosca Mondadori, Häftling Andrea Volonghi, Häftling Claudio Lamponi, Geigenbauer Enrico Allorto und Kunsthandwerker Francesco Tuccio (v.l.).

(Foto: Greta Corbella)

Häftling Vincenzo Cattaneo, Häftling Nicolae Stoleru, Stiftungsvorsitzender Arnoldo Mosca Mondadori, Häftling Andrea Volonghi, Häftling Claudio Lamponi, Geigenbauer Enrico Allorto und Kunsthandwerker Francesco Tuccio (v.l.).

(Foto: Greta Corbella)

Am anderen Ende des italienischen Stiefels befindet sich die Strafvollzugsanstalt von Opera bei Mailand. Dort gibt es seit über zehn Jahren eine Geigenwerkstatt, in der einige fest angestellte Insassen Musikinstrumente herstellen. Die Meister, die ihnen das Kunsthandwerk beibringen, kommen aus der renommierten Geigenschule Stradivari in Cremona. Dort hatte sich Antonio Stradivari, der begnadete Geigenbauer, einst niedergelassen.

Zwischen Lampedusa und Opera, dem Kunsthandwerker und den Häftlingen liegen nicht nur 1700 Kilometer, sondern Welten. Aber das Schicksal der Migranten und das bevorstehende Weihnachtsfest haben die Sträflinge und Tuccio in diesem Jahr zusammengebracht. Seite an Seite haben sie in der Geigenwerkstatt aus dem Holz der Flüchtlingsboote kleine bunte Krippen geschnitzt. Die erste fertige Krippe wurde Papst Franziskus geschenkt.

Erst Kreuze, jetzt Krippen

Das Projekt angeregt hat Arnoldo Mosca Mondadori, einer der Gründer der Mailänder Stiftung Casa dello Spirito e delle Arti, deren Ziel es ist, unterschiedliche Kunsthandwerke, darunter auch den Geigenbau in Opera, als Instrument der Integration zu nutzen. "Die Krippe stellt für die Gläubigen die Geburt Jesu dar", erklärt Mosca Mondadori ntv.de. Und für die nicht Gläubigen soll sie ein Symbol der Wiedergeburt und der Hoffnung sein. Zu diesem Zweck eigne sich dieses Holz und der Ort, an dem daraus die Krippen entstanden, wie kein anderer, meint Mosca Mondadori. "Dieses Holz hat einst das Leid der Menschen getragen und wird jetzt durch Hände, die Leid zugefügt haben, zum Hoffnungsträger eines Neuanfangs." Umso mehr freue er sich darüber, dass viele Großeltern sie kaufen, um ihren Enkelkindern nicht nur eine Freude zu bereiten, sondern ihnen auch die Geschichte des Holzes zu erzählen.

"Die Idee der Krippen hat mich sofort begeistert", erzählt Tuccio ntv.de am Telefon. "Ich sammle seit Jahren diese Holzstücke, um die Aufmerksamkeit auf die Migranten zu lenken, die allzu oft keine Stimme haben." Er selber habe immer wieder an den Rettungsaktionen teilgenommen und das Leid der Menschen hautnah erlebt. Das Mittelmeer ist "zum größten Friedhof Europas" geworden, wie Papst Franziskus immer wieder klagend erinnert.

Am Anfang waren es Kreuze, die Tuccio daraus machte. "Indem ich diesem Holz neues Leben verschaffe, ist es, als würde ich auch den Migranten, die bei der Überfahrt ertrunken sind, so etwas wie ein neues Leben wiedergeben, zumindest im Herzen der Menschen, die diese Gegenstände schenken oder geschenkt bekommen."

Als im September der Vorschlag der Mailänder Stiftung kam, zusammen mit den Insassen von Opera daraus Weihnachtskrippen zu schnitzen, sagte Tuccio begeistert zu. Mitte Oktober reiste er dann für eine Woche nach Mailand. Am Anfang sei er nicht ganz unbefangen gewesen, erinnert er sich, denn jeder Häftling hatte ja seine Geschichte und für ihn war es eine ganz neue Begegnung. Doch das habe sich schnell geändert, "auch weil sie alle schon eine gewisse Handfertigkeit besaßen", erzählt er. Das habe geholfen, sich näherzukommen.

"Egal, ob Kreuz oder Krippe, das Prinzip bleibt das gleiche", fährt Tuccio fort. Beides stehe für die Wiedergeburt, für diejenigen, die im Meer gestorben sind, und für die Häftlinge, die beim Schnitzen der Krippen eine neue Lebensform entdecken. "Rückblickend kann ich nur sagen, dass es für mich eine einmalige Erfahrung gewesen ist, die mich viel gelehrt hat", stellt Tuccio fest.

Die Liturgie des Meeres und ein Traum

Die Weihnachtskrippen waren für die Stiftung nicht die erste Zusammenarbeit mit dem Kunsthandwerker, erzählt Mosca Mondadori. "Als ich einmal zu Besuch auf Lampedusa war, zeigte mir der damalige Bischof, heute Kardinal Francesco Montenegro, die kleinen Kreuze, die Herr Tuccio aus den Bootsresten schnitzte. Das brachte mich auf die Idee, ihn zu bitten, ein großes Kreuz zu machen und es dann auf Wanderschaft durch Europa zu schicken."

Und so geschah es. Aktuell befindet sich das Kreuz in Spanien, wo es schon in 30.000 Kirchen Halt gemacht hat. Oft kommt es in Ortschaften an, wo sich Christen, Muslime und Juden zum gemeinsamen Gebet versammeln. "So wie es auch auf den Booten der Migranten geschieht", fügt Mosca Mondadori hinzu. "Viele wissen das nicht, aber es gibt so etwas wie eine Liturgie des Meeres."

Zu so einer gemeinsamen Liturgie hatte die Stiftung schon im November 2013 in einer Mailänder Kirche eingeladen. Kreuz und Mondsichel waren Seite an Seite aufgestellt. Der Oscar-Preisträger Ennio Morricone hatte eigens dafür das Stück "La voce dei sommersi" ("Die Stimme der Untergegangenen") komponiert. Der Traum von Mosca Mondadori ist es, jetzt eine Krippe bauen zu lassen, die wie das Kreuz auf Wanderschaft geht. Und die zum Vorboten einer gesellschaftlichen Wiedergeburt nach der Pandemie wird.

Quelle: ntv.de

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