Donnerstag, 22. Juli 2021

Welterbestatus in Gefahr Alle erwarten den Tod Venedigs - so oder so

So bald nicht mehr: Nach einem Beschluss der Regierung in Rom dürfen große Kreuzfahrtschiffe ab 1. August nicht mehr nach Venedig einfahren.

(Foto: imago images/Eberhard Thonfeld)

Seit Jahren wird in der Lagunenstadt über die Kreuzfahrtschiffe gestritten. Nachdem die UNESCO damit drohte, Venedig auf die "Rote Liste" des gefährdeten Welterbes zu setzen, verhängte Italien ein weitreichendes Verbot der Pötte. Der Streit ist damit aber lange nicht beendet.

In seine Ankündigung, ab 1. August Kreuzfahrtschiffen die Reise in den Hafen von Venedig nahe der historischen Bauten zu verbieten, mischte Dario Franceschini eine gehörige Portion Eigenlob. Italiens Minister für Kultur und Tourismus sprach von einem "historischen Tag, auf den die ganze Welt jahrelang gewartet hat". Auf Twitter schrieb er: "Stolz auf eine eingehaltene Verpflichtung." Der Beschluss der Regierung in Rom ist tatsächlich bedeutsam, weil er konkreter und entschiedener ausfällt als alle bisherigen Ankündigungen. Vor allem: Dieses Mal macht sie offenbar Ernst.

Eigentlich ist die Durchfahrt auf dem Kanal entlang von Dogenpalast und Markusplatz für Schiffe über 40.000 Tonnen schon seit 2012 untersagt. Nur fand der Erlass nie Anwendung, da er erst wirksam werden sollte, wenn eine Alternative zur bisherigen Route in den Hafen Venedigs gefunden worden sei, was sich als Utopie erwies. Das jetzt verkündete Verbot gilt ohne Einschränkung für alle Pötte - ein Kriterium genügt - mit mehr als 25.000 Tonnen, ab 180 Metern Länge, 35 Metern Tiefgang und einem Schwefelgehalt im Kraftstoff von 0,1 Prozent.

Schon nachdem die italienische Regierung im März eine Absichtserklärung bekannt machte, meldeten Medien weltweit: "Venedig verbannt Kreuzfahrtschiffe." Dabei wurde lediglich ein mit 2,2 Millionen Euro taxierter Wettbewerb gestartet, neue Liegestellen zu suchen. Derweil sollte alles beim Alten bleiben. Anfang Juni legte der erste Ozeanriese nach 17 Monaten Corona-Pause wieder in der Lagunenstadt an. Prominente wie Rolling-Stones-Sänger Mick Jagger protestierten dagegen.

Entzug des Welterbe-Status?

Vor allem aber setzte die UNESCO als Hüterin des Welterbes Rom unter Druck, in dem sie drohte, Venedig auf die "Rote Liste" der gefährdeten Stätte größter kultureller oder ökologischer Bedeutung zu setzen. Die UN-Organisation verschonte Venedig. Sie begrüßte nach Beratungen im chinesischen Fuzhou die Maßnahmen und erklärte, daher den Druck nicht zu erhöhen. Das Welterbekomitee betonte allerdings, sie würde sich wünschen, wenn "der Option außerhalb der Lagune insgesamt Vorrang eingeräumt wird".Dass sie Ernst machen kann, zeigte die UNESCO, als sie 2009 Dresden den Welterbestatus entzog, weil die Stadt auf den Bau der Waldschlösschenbrücke bestand. Auch Liverpool wurde gerade für seine "substanziellen Eingriffe" im Rahmen des Bauprojekts "Liverpool Waters" im historischen Hafengebiet mit der Aberkennung des Titels bestraft.

Davon ist Venedig weit entfernt. Generaldirektorin Audrey Azoulay begrüßte das Vorgehen Italiens als "sehr gute Nachricht". Doch auch nach der Entscheidung der UNESCO: Der Streit wird damit nicht beendet sein, wie die ersten Reaktionen aus der italienischen Bevölkerung, Politik, Wirtschaft, Medien und Naturschutz zeigten. Wie so oft kollidieren unterschiedliche Interessen. Die einen erwarten den "Tod von Venedig" aus ökonomischen Gründen, die anderen, denen der Beschluss nicht weit genug geht, aus ökologischen.

Vorsorglich hat die Regierung gleichzeitig mit dem Verbot angekündigt, soziale Härten abfangen zu wollen. Laut Infrastrukturminister Enrico Giovannini sollen 157 Millionen Euro für temporäre Liegeplätze im nahen, industriegeprägten Marghera, der "hässlichen Schwester Venedigs", ausgegeben werden, während zugleich eine dauerhafte Offshore-Lösung umgesetzt werden soll. Der Schutz Venedigs und der Lagune werde "mit erheblichen Investitionen in seine wirtschaftliche und soziale Zukunft eine Quelle des Wohlstands für das ganze Land" sein, zitierten Medien Giovannini.

"Todesstoß für den High-End-Kreuzfahrtverkehr"

In einem offenen Brief an Ministerpräsident Mario Draghi klagte Alessandro Santi, Chef des Verbandes der italienischen Schifffahrtsagenturen und -makler, Venedig verschwinde "von der Karte des Welthandels". Die Regierung in Rom habe unter dem internationalen Einfluss "der politischen Korrektheit" eine schwerwiegende Entscheidung zulasten von mindestens 4000, vielleicht bis zu 21.000 Familien getroffen. "Soziale" sei der "kulturellen Nachhaltigkeit untergeordnet" worden. Die Ankündigungen zur Unterstützung Betroffener nannte Santi "nebulös". Seinen Worten nach werden Reeder und Tourismusunternehmen neue Häfen suchen, eher "nicht in der Adria und vielleicht nicht einmal in Italien". Selbst die Luxusklasse treffe es: "Ein Todesstoß für den High-End-Kreuzfahrtverkehr, der früher Übernachtungen in Fünf-Sterne-Hotels und üppige Ausgaben in den Geschäften" garantiert habe.

Tatsächlich gaben erste Anbieter des britisch-amerikanischen Konzerns Carnival, dem größtem Kreuzfahrtunternehmen der Welt, bekannt, Venedig als Ankerplatz zu streichen und Triest oder Monfalcone anzusteuern. Aida Cruises wirbt auf seiner Webseite noch mit "Ratzfatz zum Markusplatz". Da sich die Entscheidung aber längst abzeichnete, hatte das Rostocker Unternehmen schon reagiert: Es läuft Venedig nicht mehr an. Aida startet und beendet seine Touren in der Adria in Kreta. Fahrten nach Venedig sind zwar ab April 2022 geplant. Der Termin scheint allerdings nicht in Stein gehauen zu sein. "Wir warten erst einmal ab, wie die künftige Lösung konkret aussieht. Kreta kommt sehr gut an", sagte ein Sprecher.

Verlagerung nach Marghera? Auch problematisch

In Alarmstimmung sind auch Umweltschützer und nachhaltig ausgerichtete Unternehmen. Die Firma Venezia Autentica, deren Motto lautet, "Venedig zu retten, indem wir die Venezianer retten", befürchtet, dass der Kanal nach Marghera ausgebaut werde, was verheerende Folge für den Umweltschutz der Lagune bedeute: "Ein einzigartiges und empfindliches Gebiet von 550 Quadratkilometern, das Hunderte von Vogel- und Fischarten beherbergt."

"Keine großen Schiffe": Protest der Bürgerbewegung "No Grandi Navi" gegen Kreuzfahrtschiffe in Venedig.

(Foto: imago images/viennaslide)

"Keine großen Schiffe": Protest der Bürgerbewegung "No Grandi Navi" gegen Kreuzfahrtschiffe in Venedig.

(Foto: imago images/viennaslide)

Die Stadtführerin Susanne Kunz-Saponaro, die seit 2004 in Venedig lebt, ist erklärte Anhängerin eines nachhaltigen Tourismus, der die Kreuzschifffahrt einbezieht. Das Vorhaben, die schwimmenden Hotels in Marghera anlegen zu lassen, hält sie für "sehr problematisch". "Der Hafen liegt gegenüber dem Markusplatz, nur eben genau am anderen Ende der Stadt. Tausende oder Zehntausende Passagiere werden Wassertaxis nutzen, die bestimmt nicht außen herumfahren, sondern den schnellsten weg quer durch Venedig nehmen, um die Leute zum Markusplatz zu bringen."

Kunz-Saponaro rechnet mit schweren Folgen für die alten Gemäuer: "Während bisher allein die Fundamente nur an der südlichen Uferstraße, die zu 100 Prozent befestigt ist, von Kreuzfahrtschiffen und Taxen in Mitleidenschaft gezogen wurden, werden nun die Gebäude der innerstädtischen Wasserläufe dem verheerenden Wellenschlag ausgesetzt." Busse und Autos verursachten ebenfalls Emissionen. "Und das Risiko, das ein Kreuzfahrtschiff die Kontrolle verliert, ist nicht gebannt, weil nur sehr große verboten werden sollen."

Quelle: ntv.de

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