Dienstag, 17. August 2021

Kinder-Inzidenzen über 100 Berlin und Hamburg bald im kritischen Bereich?

Ist die Party in Berlin und Hamburg bald wieder vorbei?

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Hamburg und Berlin sind die Bundesländer mit den höchsten Corona-Fallzahlen, bei Kindern liegen die 7-Tage-Inzidenzen dort zum Teil schon über 200. Wie bedrohlich ist die Situation in den beiden Städten, könnte die Lage dort bald kritisch werden und erneut einschränkende Maßnahmen erfordern?

Seit rund sechs Wochen steigt die deutsche 7-Tage-Inzidenz wieder kontinuierlich an. Am 1. Juli waren es noch knapp 5 Fälle pro 100.000 Einwohner, jetzt sind es bereits 37, und die Kurve geht immer steiler nach oben. Dabei gibt es aber große regionale Unterschiede. Einige Kreise sind noch coronafrei, in vielen anderen liegen die Inzidenzen stabil unter 10.

Den Gesamtwert treiben neben Nordrhein-Westfalen vor allem Hamburg und Berlin nach oben, wo die Fallzahlen derzeit am höchsten sind. Doch die Situation ist nicht mit dem Sommer 2020 zu vergleichen, eine relativ hohe Impfquote lässt jetzt wesentlich höhere Inzidenzen zu. Die große Frage ist nur, wie hoch sie sein dürfen und ob sie noch brauchbare Richtwerte sind.

Das Bundesland mit der höchsten Inzidenz ist derzeit Hamburg, das heute laut RKI-Zahlen bereits rund 78 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner zählt. Doch die Gesamtinzidenz hat durch die Impfungen kaum noch Aussagekraft. Um zu sehen, was passiert, muss man sich die Fallzahlen nach Altersgruppen anschauen. Und hier ist die Hansestadt ein Beispiel dafür, dass die vierte Welle vor allem eine Welle der Kinder ist.

Kinder-Inzidenz in Hamburg bei 134

Die 7-Tage-Inzidenz der 0- bis 14-Jährigen liegt in der Stadt bereits bei rund 134 Fällen. Es folgt die Gruppe der 15- bis 34-Jährigen mit knapp 114, bei den Einwohnern von 35 bis 59 Jahren beträgt die Inzidenz etwa 67, darüber ist sie deutlich niedriger.

Weil in Hamburg die Sommerferien zu Ende sind, ist zu befürchten, dass die 7-Tage-Inzidenz dort in den kommenden Wochen noch schneller steigen wird. Daran wird auch die jetzt erfolgte Impfempfehlung der Ständigen Impfkommission (STIKO) nichts mehr ändern, zumal es für unter 12-Jährige auch weiterhin kein zugelassenes Vakzin gibt.

In Berlin sieht es ähnlich aus, obwohl die Gesamtinzidenz mit rund 61 noch deutlich niedriger als die Hamburgs ist. Auch in der Hauptstadt registriert man die meisten Neuinfektionen bei den 0- bis 14-Jährigen, die aktuell auf etwa 116 Fälle pro Woche und 100.000 Einwohner kommen. Bei den 15- bis 34-Jährigen beträgt der Wert rund 97, bei den 35- bis 59-Jährigen 48. Die Altersgruppen darüber verzeichnen mit knapp 10 beziehungsweise 9 Fällen dagegen weiter sehr niedrige Inzidenzen.

Inzidenz der 10- bis 14-Jährigen in Berlin bei 200

Auch in Berlin hat die Schule bereits wieder im Präsenzunterricht begonnen, und die von der Stadt sehr detailliert gelieferten Werte gestatten einen genaueren Blick auf die Problematik. Hier sieht man, dass vor allem bei den Kindern und Jugendlichen zwischen 10 und 14 Jahren die Fallzahlen geradezu explodieren und die 7-Tage-Inzidenz bereits fast 230 erreicht hat. Auch bei den 15- bis 19-Jährigen ist der Wert mit knapp 190 Neuinfektionen sehr hoch.

Andererseits ist bemerkenswert, dass die 7-Tage-Inzidenzen der Altersgruppen zwischen 60 und 90 mit Werten zwischen 12,9 und 7,2 zwar immer noch niedrig sind. Bei den über 90-Jährigen beträgt die Inzidenz inzwischen aber wieder fast 20, nachdem sie Anfang Juli schon auf 0 gesunken war. Ähnliches kann man in Hamburg beobachten, wo bei den über 80-Jährigen aktuell 25 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner gezählt werden.

Das könnte auf sogenannte Impfdurchbrüche zurückzuführen sein. Das heißt, Personen stecken sich mit Covid-19 an, obwohl sie vollständig geimpft wurden. Davon sind verhältnismäßig viele ältere Menschen betroffen, da sie ein schwächeres Immunsystem haben und der Impfschutz bei ihnen geringer ausfällt und schneller nachlässt. Dazu kommt, dass Senioren zuerst an der Reihe waren, ihre Impfung also bereits zum Teil ein halbes Jahr zurückliegt.

Schwere Verläufe steigen bisher nur leicht

Die gestiegenen Inzidenzen führen auch zu mehr schweren Erkrankungen, aber bisher nur auf niedrigem Niveau. In der 1,8-Millionen-Stadt Hamburg liegen laut DIVI-Intensivregister zur Zeit 25 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen. Das sind 13 mehr als beim Tiefstand am 21. Juli, der Wert ist aber noch weit entfernt von den am 2. Januar registrierten 119 Fällen. Berlin mit seinen rund 3,6 Millionen Einwohnern hat aktuell 55 Corona-Fälle auf seinen Intensivstationen, 21 mehr als am 28. Juli, aber 401 Fälle weniger als am 6. Januar. Und man darf nicht vergessen, dass die großen Kliniken der Metropolen auch Patienten aus dem Umland aufnehmen.

Auf die Todeszahlen haben sich die steigenden Inzidenzen noch weniger ausgewirkt. Berlin beispielsweise hat seit dem 1. Juni 27 weitere Corona-Tote registriert, in Hamburg waren es im gleichen Zeitraum 69.

Trotzdem, die Hospitalisierungen und Intensiv-Aufnahmen steigen langsam aber sicher wieder an. Und selbst wenn inzwischen in Hamburg rund 81 und in Berlin 84 Prozent der über 60-Jährigen geimpft sind, gibt es dort immer noch viele alte Menschen ohne Schutz. Außerdem nehmen mit der hochinfektiösen Delta-Variante des Virus die Impfdurchbrüche zu.

Fast die Hälfte der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen ist jünger als 60 Jahre.

(Foto: DIVI)

Fast die Hälfte der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen ist jünger als 60 Jahre.

(Foto: DIVI)

Das heißt, wenn sich viele Junge infizieren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sie alte, geimpfte Menschen anstecken. Und diese tragen nach wie vor das höchste Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken. Dazu kommen bei sehr hohen Inzidenzen auch relativ viele jüngere Menschen mit Covid-19 auf Intensivstationen. Immerhin sind dort aktuell 49,3 Prozent der Corona-Patienten jünger als 60 Jahre.

Long Covid spielt auch eine Rolle

Und schließlich könnten Gesundheitssystem und Wirtschaft auch durch Long-Covid-Patienten stark belastet werden, die besonders oft auch unter Jüngeren zu finden sind. Bis zu 12 Prozent der Infizierten sind möglicherweise betroffen. Bei Kindern und Jugendlichen ist die Datenlage dünner. Einer Studie der TU Dresden nach könnte von ihnen nur rund 1 Prozent Long-Covid-Symptome nach einer Infektion entwickeln. Bei sehr vielen Ansteckungen würde dies aber immer noch viele junge Patienten bedeuten, die unter Langzeitfolgen leiden.

Da die Datenlage zu Long Covid noch zu dünn ist, konzentriert man sich derzeit aber darauf, die Anzahl der schweren Verläufe unter einem Niveau zu halten, das von den Krankenhäusern problemlos zu bewältigen ist. Wann ein kritischer Punkt erreicht ist, an dem man durch Maßnahmen gegensteuern muss, ist dabei die große Frage.

Hospitalisierungen statt Inzidenzen

Wissenschaftler wie der Berner Epidemiologe Christian Althaus plädieren dafür, vor allem die Anzahl der täglichen Hospitalisierungen im Auge zu behalten. Falls Infizierte ins Krankenhaus müssen, geschehe dies zehn oder elf Tage nach einem bestätigten positiven Test. "Die Zeit zwischen dem bestätigten Fall und der Hospitalisierung ist eigentlich nicht so groß", sagt er. "Von daher hat man ein relativ gutes Bild oder nicht ein wesentlich schlechteres Bild, als wenn man die bestätigten Fälle anschaut."

In der Schweiz liege der Schwellenwert bei 120 Neuaufnahmen pro Tag, so Althaus. Für Deutschland mit einer etwa zehnmal größeren Bevölkerung hieße das dem Epidemiologen zufolge rund 1200 Neuaufnahmen. Auch wenn der Vergleich einer Großstadt mit einem Land etwas hinkt, würde das auf Berlin umgerechnet etwa 50 tägliche Neuaufnahmen von Covid-19-Patienten bedeuten, Hamburg könnte täglich knapp 25 Corona-Aufnahmen in seinen Krankenhäusern verkraften.

Neuaufnahmen steigen noch langsam

Beide Städte sind davon noch sehr weit entfernt. Für die Fälle auf Normalstationen hat Berlin derzeit keine entsprechende Statistik. Die Zahl der Patienten, die mit Sauerstoff versorgt werden müssen (55), verdoppelt sich in der Hauptstadt aktuell alle 38 Tage. Legt man diesen Wert für alle 101 derzeit hospitalisierten Patienten zugrunde, kommt man auf rund drei tägliche Neuaufnahmen. Geht man bei aktuell 66 stationär behandelten Covid-19-Fällen in Hamburg vom gleichen Faktor aus, kommt man auf nicht mehr als einen neuen Corona-Patienten pro Tag.

Dass die Situation in der Hansestadt noch relativ entspannt ist, sieht man auch an den Daten des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) Dort waren am 1. Juni 29 Covid-19-Patienten in stationärer Behandlung, am 1. Juli 14, aktuell sind es 13.

Die Hospitalisierungsrate soll zwar künftig stärker berücksichtigt werden, aktuell ist die Datenerhebung dazu nicht überall optimal. Wissenschaftler haben deshalb die Gesamtinzidenz als Frühindikator noch nicht ganz aufgegeben. Basis für einen Wert bilden dabei die Inzidenzen und die Impfquoten nach Altersgruppen sowie der geschätzte Anteil der Genesenen.

Comeback der Inzidenzen, aber anders bewertet

Andreas Schuppert von der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen (RWTH) hat mit diesen Variablen ein Modell entwickelt, das Inzidenzen berechnet, die Deutschland verkraften könnte. Dabei bezieht er sich auf eine Aussage von Gesundheitsminister Jens Spahn im Juli, als die Impfquote der über 60-Jährigen bei 75 Prozent lag. "Wenn Sie die Maßzahl nehmen, können sie sagen: 200 ist das neue 50", sagte er.

Schuppert ermittelte für die von Spahn genannte Impfquote einen Faktor 2,3 bis 3, wonach eine Inzidenz von 150 noch akzeptabel wäre. Hamburg und Berlin sind mit ihren Impfkampagnen schon weiter. Und es ist noch mehr möglich: Wenn zusätzlich zu einer Impfquote von 85 Prozent bei den über 60-Jährigen 75 Prozent der 35- bis 59-Jährigen vollständig geimpft wären, sei das vierfache, also eine Inzidenz von 200 drin, so Schuppert. Die genaue Quote dieser Altersgruppe weist das RKI bisher nicht aus, sondern nur die der 18- bis 59-Jährigen. Wie nahe man dem Ziel ist, kann man also nicht sagen.

Weiterimpfen und Ruhe bewahren

Was man aber weiß: Bei höheren Quoten kann man sich entsprechend noch höhere Inzidenzen leisten, und inzwischen sind sogar schon rund 15 Prozent der 12- bis 17-Jährigen vollständig geimpft, obwohl die STIKO heute erst eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen hat. In Berlin sind es 13,9, in Hamburg 12,9 Prozent.

Es gibt also bisher keinen Grund, in den beiden Städten hektisch zu werden. Man muss die Lage dort und in ganz Deutschland aber sehr genau beobachten. Und die Menschen haben es selbst in der Hand, auch mit höheren Inzidenzen gut durch Herbst und Winter zu kommen: Sie müssen sich nur impfen lassen.

Quelle: ntv.de

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