Freitag, 17. September 2021

Harte Fronten bei Prozessauftakt Österreich lehnt Vergleich im Fall Ischgl ab

Verbraucherschützer Peter Kolba (l.) und Klägeranwalt Alexander Klauser vor dem Landgericht Wien.

(Foto: picture alliance/dpa/APA)

Im März 2020 kommt es im Skiort Ischgl zu einem massiven Corona-Ausbruch, Urlauber tragen das Virus quer durch Europa. Betroffene werfen der österreichischen Regierung Versagen vor und fordern Entschädigung. Doch die streitet jede Verantwortung ab. Nun geht der Prozess in die erste Runde.

Beim ersten Prozess um den folgenschweren Corona-Ausbruch im Tiroler Skiort Ischgl hat der österreichische Staat eine einvernehmliche Lösung und Vergleichsverhandlungen abgelehnt. Die Republik vertritt die Auffassung, dass Regierung und Behörden mit dem damaligen Wissen über das Virus richtig handelten und die Klage deshalb grundlos ist - dies wurde zum Auftakt des Verfahrens deutlich.

Vor dem Wiener Landgericht fordern die Witwe und der Sohn eines an Covid-19 gestorbenen Österreichers, der sich bei der chaotischen Abreise aus Ischgl angesteckt haben soll, rund 100.000 Euro Schadenersatz vom Staat. Dabei gehe es den Klägern nach eigener Aussage aber nicht ums Geld. "Mir geht es um Gerechtigkeit", sagte der Sohn des Verstorbenen am Rande des Prozesses. "Falls es einen Schadenersatz gibt, werden wir das Geld natürlich spenden", sagte er und verwies auf karitative Organisationen.

Der auch bei Deutschen beliebte Ski- und Partyort wurde im März 2020 wegen steigender Fallzahlen plötzlich geschlossen. Reiserückkehrer trugen das Virus in viele Heimatländer weiter. Laut Klägeranwalt Alexander Klauser reagierten Behörden aber zu spät auf die ersten Infektionen und setzten Gesundheitsmaßnahmen nicht ausreichend um. Außerdem habe Kanzler Sebastian Kurz am 13. März eine Quarantäne für Ischgl ohne Vorbereitungen verkündet. Tausende Urlauber seien dadurch unkontrolliert und dicht an dicht gedrängt geflohen.

"Wer sich noch nicht in der Woche davor mit dem Coronavirus infiziert hatte, infizierte sich jetzt in überfüllten Pkws und Skibussen," sagte Klauser vor Journalisten. Bei dem Gericht sind bislang 15 Klagen zu Ischgl eingegangen. Der österreichische Verbraucherschutzverein (VSV), der die Klagen unterstützt, rechnet jedoch damit, dass insgesamt bis zu 3000 Ansprüche an den Staat gestellt werden.

Betroffene leiden unter Langzeitfolgen

Eine unabhängige Expertenkommission, die den Ausbruch untersuchte, stellte schwere Fehler fest: Die österreichischen Behörden hätten zu spät reagiert und die Lage falsch eingeschätzt, nachdem sie aus Island am 5. März gewarnt worden waren, dass mehrere Urlauber nach ihrer Rückkehr auf die Insel positiv auf das Virus getestet wurden.

Mehr als 6000 Menschen aus 45 Ländern haben sich nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr in Ischgl und anderen Tiroler Urlaubsorten mit dem Coronavirus angesteckt. Etwa fünf Prozent von ihnen leiden unter als Long Covid bekannten Langzeitfolgen der Infektion wie Kurzatmigkeit und Schlafproblemen.

Der VSV-Vorsitzende Peter Kolba sagte zuvor dem RBB, bei dem Ausbruch im Frühjahr 2020 habe es ein "Multi-Organversagen der Behörden" gegeben. "Das beginnt auf der Gemeindeebene, setzt sich über Bezirk, Land bis zum Bund fort", führte Kolba aus. Der zentrale Vorwurf laute: "Man hat zu spät gewarnt. Man hat zu spät beispielsweise Après-Ski-Lokale geschlossen. Und man hat überhaupt um eine Woche zu spät das ganze Skigebiet geschlossen."

Nach Einschätzung des VSV-Chefs trugen die zögerlichen Reaktionen der österreichischen Behörden zur europaweiten Ausbreitung des damals neuartigen Coronavirus bei. "Hätte man eine Woche früher die Wintersaison heruntergefahren, hätten sich tausende Menschen in Ischgl jedenfalls nicht mit Covid infiziert und hätten es auch nicht nach Europa tragen können", sagte Kolba.

Quelle: ntv.de , mdi/dpa/AFP

*Datenschutz