Politik
Samstag, 01. Mai 2021

Kinder und Karriere Baerbock ist die Ausnahme, nicht die Regel

Annalena Baerbock ist die erste Kanzlerkandidatin, die Kinder hat. (Das Bild zeigt sie beim Besuch einer Kita.)

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Erstmals tritt eine Partei mit einer Kanzlerkandidatin zur Wahl an, die Kinder hat. Während Annalena Baerbock schon jetzt zeigt, dass Politikerinnen Familie und Beruf vereinbaren können, ist das für viele Frauen in Deutschland noch nicht der Fall.

Die erste Kanzlerkandidatin der Grünen, die erste mit Kindern. Kaum war Annalena Baerbock nominiert, wurde in den sozialen Medien ihre Eignung in Zweifel gezogen: Kann eine zweifache Mutter mit kleinen Kindern den Job im Kanzleramt übernehmen? Auf den ersten Blick zeigt die Statistik: Ja, es ist möglich. In Deutschland sind Mütter mit minderjährigen Kindern sogar häufiger berufstätig als Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren. Auch im EU-Vergleich gehen Mütter in Deutschland häufiger einer Arbeit nach. Das klingt nach einer Erfolgsquote. Doch so einfach ist es nicht.

"Wenn wir genauer hingucken, sieht es anders aus", sagt Alexandra Scheele, Arbeits- und Wirtschaftssoziologin an der Universität Bielefeld. "Die Vollzeiterwerbsquote von Müttern in Deutschland ist im internationalen Vergleich nicht so hoch, weil ein großer Teil der Frauen in Teilzeit arbeitet." In Frankreich arbeitet mehr als die Hälfte der Mütter in Vollzeitjobs, in Dänemark sind es sogar mehr als 65 Prozent. In Deutschland ist es das Gegenteil. 65 Prozent der Mütter arbeiten in Teilzeit - eine Quote weit über dem EU-Durchschnitt von 35 Prozent. Baerbock ist also nicht die Regel, sondern eher die Ausnahme.

Wer passt auf die Kinder auf?

Warum ist es also so schwierig, Karriere und Kinder zu vereinbaren? Zum einen liegt es ganz klar an der Frage: Wer kümmert sich um die Kinder? Rund 30 Prozent der deutschen Kinder unter zwei Jahren sind in Betreuung. In Frankreich sind es mehr als die Hälfte, in Dänemark sogar mehr als 65 Prozent. Ein Grund für diesen Unterschied ist die schwache Betreuungsinfrastruktur für Kleinkinder in Deutschland. "Es ist wegen des geringen Betreuungsumfangs, den wir in Deutschland haben, fast unmöglich, einen Vollzeitjob auszuüben", sagt Scheele. Zwar hat sich der Ausbau der Kindertagesstätten beschleunigt. So hat die Bundesregierung seit 2008 mehr als vier Milliarden Euro in den Ausbau von Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren investiert - und auch 400.000 Krippenplätze sind im vergangenen Jahrzehnt entstanden. Dennoch haben 14 Prozent der Kinder unter drei Jahren keinen Betreuungsplatz, obwohl ihre Eltern gerne einen hätten.

Der Ausbau der Infrastruktur hilft nämlich nur bedingt weiter. "Es braucht natürlich auch entsprechendes Personal", sagt Scheele. Doch der Beruf des Erziehers ist in Deutschland nicht besonders attraktiv. Erzieherinnen verdienen beim Berufseinstieg nur 2200 Euro brutto, weit unter dem Durchschnittseinkommen von über 3000 Euro. Nur ein Drittel fühlt sich wertgeschätzt - als Hauptgrund dafür nennen sie die hohe Belastung durch Personalmangel und schlechte Bezahlung. Genau hier liege der Unterschied zu anderen EU-Ländern, sagt Scheele: "In Schweden wird mehr Geld in die Kinderbetreuung investiert und es wurden Qualitätsstandards bei der Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern angehoben".

Die Situation in Deutschland stellt vor allem die Mütter vor erhebliche Probleme - denn Väter übernehmen die Kinderbetreuung nur selten. Die Quote der arbeitenden Väter liegt hierzulande bei 93 Prozent. Von ihnen ist nur ein Bruchteil in Teilzeit beschäftigt - nicht einmal 10 Prozent.

Die Verlagerung der Kinderbetreuung auf die Frauen lässt sich zum Teil auf einen Aspekt zurückführen: Das Steuersystem setzt vor allem verheirateten Frauen massive Anreize, nicht oder nur geringfügig zu arbeiten. "Ein ganz großer Treiber für die Vernachlässigung der Erwerbstätigkeit von Frauen und insbesondere Müttern ist immer noch das Ehegattensplitting", sagt Cornelia Spachtholz, Vorsitzende des Verbandes berufstätiger Mütter. Frauen müssen oft ab dem ersten verdienten Euro Steuern zahlen, wenn sie als Geringverdiener eingestuft werden. Hinzu kommt die Sozialversicherung - wenn eine Frau nicht arbeitet, ist sie beitragsfrei bei ihrem Ehepartner mitversichert: Das macht eine Beschäftigung noch unattraktiver.

Die Ost-West-Schere

Diese Hindernisse betreffen nicht ganz Deutschland in gleichem Ausmaß. Im Osten ist die Erwerbsquote von Müttern mit 29 Prozent deutlich höher als im Westen, wo nur 12 Prozent der Frauen mit Kindern einen Vollzeitjob haben. Dafür gebe es kulturelle Gründe, sagt Scheele: "In der Nachkriegszeit wurde in Westdeutschland das sehr konservative Modell geprägt, eine ideale Kernfamilie mit einem berufstätigen Mann und einer nicht berufstätigen Frau, die sich um Haushalt und Familie kümmert." Es wurden Strukturen geschaffen, damit Frauen so viel wie möglich im Haushalt bleiben. Erst 1977 durften Frauen ohne Zustimmung des Mannes erwerbstätig sein.

"In Ostdeutschland hingegen sieht man das Erbe der DDR", sagt Scheele. "Die Vorstellung einer Frau ist die von einer berufstätigen Frau - und die Mutter ist auch eine berufstätige Mutter." Dieser Anspruch hat zu einem starken Ausbau von Betreuungseinrichtungen für kleine Kinder geführt. In Ostdeutschland wird heute mehr als jedes zweite Kind unter drei Jahren in einer Kindertagesstätte betreut. In Westdeutschland reicht die Quote von 27 Prozent in Nordrhein-Westfalen bis 44 Prozent in Hamburg.

Aber nicht nur der Zugang zur Kinderbetreuung führt zu einer höheren Erwerbsquote der Mütter im Osten. Auch die Aufteilung der Finanzen wirkt sich unterschiedlich auf die Familien aus. Denn eine Familie allein von einem Einkommen zu ernähren, funktioniert natürlich nur, wenn das Gehalt entsprechend hoch ist. Das ist in Ostdeutschland bis heute oft nicht der Fall: Dort liegt das Durchschnittseinkommen um fast 25 Prozent niedriger als im Westen. Wenn die Löhne der Männer allein zu niedrig sind, um eine Familie zu ernähren, helfen auch Steuererleichterungen nicht. "In vielen Familien mit geringem Einkommen haben Frauen durchweg immer gearbeitet", sagt Scheele.

Und dann noch als Rabenmutter

Frauen wie Baerbock zeigen, dass es durchaus möglich ist, Beruf und Familie zu vereinbaren - dafür müssen sie nicht gleich Kanzlerin werden. Die heute 40-Jährige hatte schon Kinder, als sie Parteichefin geworden ist. Trotzdem müssen sich arbeitende Mütter oft "mit dem Vorwurf der Rabenmutter auseinandersetzen", so Scheele. Eine europaweite Studie im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung ergab eine hohe Zustimmung zu der Aussage "Ein Kleinkind wird wahrscheinlich darunter leiden, wenn die Mutter berufstätig ist". In Westdeutschland stimmten dieser Aussage 60 Prozent der Befragten zu. In Dänemark waren es deutlich unter 10 Prozent.

Schon als Parteivorsitzende habe sie "klargemacht, dass ich als Spitzenpolitikerin nicht aufhöre, Mutter zu sein", sagt Baerbock. Doch die Strukturen in Deutschland machen solche Entscheidungen nicht leicht. Zwar fließen mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Familienleistungen, es gebe aber viele Maßnahmen für Ehe und Familie, die kontraproduktiv für die Gleichberechtigung und Gleichstellung der Geschlechter seien, sagt Spachtholz. Mutterschaft sei zwar nicht das alleinige Qualitätskriterium, um Kanzlerin zu werden. "Wenn Baerbock Kanzlerin werden würde, hätte das aber eine Signalwirkung für junge Mütter." Es wäre ein Zeichen, dass man nicht nur als Frau, sondern auch als Mutter Karriere machen kann.

Quelle: ntv.de

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