Freitag, 27. August 2021

Kampfdrohnen und Geheimkommandos Biden eröffnet nächsten Antiterrorkrieg

Nur noch wenige Tage sichern US-Soldaten den Flughafen von Kabul.

(Foto: VIA REUTERS)

Bomben explodieren am Kabuler Flughafen, Dutzende Menschen sterben. Die plakativen Drohungen von US-Präsident Biden in Richtung der Drahtzieher kommen nicht von ungefähr. US-Militär und Geheimdienste beginnen einen neuen Antiterrorkrieg.

Als das World Trade Center vor 20 Jahren in sich zusammenfiel, hatte US-Präsident George W. Bush eine simple Botschaft: "Die Vereinigten Staaten werden die Verantwortlichen für diese feigen Taten jagen und bestrafen." Der Drahtzieher saß in Afghanistan. Die USA marschierten ein in das gigantische Terrornest, das die USA und Europa bedrohte, dieses Enigma regionaler Verquickungen, radikaler Auslegungen des Islams und Hass auf die Werte des Nordens. So sah die Welt das zentralasiatische Land vor 20 Jahren.

Nun, nach dem längsten Krieg der US-Geschichte und drei Präsidenten später, sind zwei Bomben am Flughafen von Kabul explodiert. Mindestens 90 Menschen starben, darunter 13 US-Soldaten. Das Terrornetzwerk Islamischer Staat Khorasan (IS-K) hat sich zu den Anschlägen bekannt. Die Dimension ist eine völlig andere als 9/11, aber Joe Biden spricht ähnliche Worte wie damals: "Wir werden euch jagen und büßen lassen." Er habe seine Kommandeure angewiesen, Einsatzpläne auszuarbeiten, um den IS und seine Anführer anzugreifen. "Wir werden mit Stärke und Präzision zuschlagen, wann und wo wir wollen", drohte er.

Wie soll das geschehen, vor allem in Zukunft? Zehn Jahre lang wurden Abzug und die Zeit danach vorbereitet, die afghanischen Kräfte ausgebildet und ausgerüstet. Der Abzug ist so gut wie abgeschlossen, aber die Realität hat die Pläne überholt. "Wir werden nicht vergessen. Wir werden nicht vergeben", äußerte sich Biden in bekannter Kriegspräsidentenmanier. Das klingt nicht danach, als würden die USA sich auf ihren Kontinent zurückziehen. Die Bombe in Kabul hat den Deckmantel dessen zerfetzt, was schon vorher entschieden war: Der konstante Feldzug gegen den Terror geht weiter, nur ohne offene Truppenpräsenz.

Auch nach dem blutigsten Tag für die US-Streitkräfte in Afghanistan seit zehn Jahren werden die Evakuierungen bald abgeschlossen sein. Werde bis dahin der Flughafen angegriffen, würden sich die USA mit Luftstreitkräften verteidigen, sagte General Frank McKenzie vom verantwortlichen Central Command. Das Pentagon erwarte weitere Attacken.

Biden hat mehrfach betont, dass die USA in Zukunft von ihren Stützpunkten in der Region gegen Extremisten vorgehen werden, also etwa mit Einsätzen von Spezialkräften und unbemannten Kampfdrohnen. Das ist der neue Antiterrorkrieg der Vereinigten Staaten.

Neue Informanten, neue Tötungen

Schon seit die Taliban in einer Blitzoffensive ganz Afghanistan unter ihre Kontrolle gebracht haben, planen US-Militär und Geheimdienste die US-Präsenz in Zentralasien um. Die Anschläge haben die Dringlichkeit nochmals verschärft. Erstens geht es darum, wie Agenten ohne Anlaufstellen vor Ort agieren sollen, denn diplomatische Vertretungen und militärische Stützpunkte sind auch Anlaufstelle für Spione. Noch sind die US-Geheimdienste gut vernetzt, sie hatten vor den aktuellen Anschlägen gewarnt. Doch durch den Abzug würden viele Informanten verstummen, sagten Geheimdienstmitarbeiter der "New York Times".

Eine Reaper-Drohne des US-Militärs im afghanischen Kandahar im Jahr 2016.

(Foto: REUTERS)

Eine Reaper-Drohne des US-Militärs im afghanischen Kandahar im Jahr 2016.

(Foto: REUTERS)

Zweitens ist die Frage, von wo der Auslandsgeheimdienst CIA in Zukunft Drohnenangriffe und Einsätze von Spezialkräften ermöglichen kann. Die CIA kann eigene Spione für Aufträge einsetzen oder mit militärischen Spezialeinheiten zusammenarbeiten, so wie es bei Osama bin Laden geschah. Navy Seals hatten den Al-Kaida-Kopf unter Führung des Geheimdienstes in Pakistan getötet.

Ohne offene Truppenpräsenz können sich die Geheimdienste zukünftig darauf fokussieren, Terrorgruppen zu beobachten, welche die Vereinigten Staaten angreifen könnten. Die Taliban sind mit dem Haqqani-Netzwerk und Al-Kaida verbündet, die wiederum mit dem Islamischer Staat Khorasan (IS-K) verfeindet sind. Der Ableger des Islamischen Staats ist seit 2015 in Afghanistan aktiv und hat seither eine ganze Reihe tödlicher Anschläge verübt. Seine Mannstärke soll zuletzt bei etwa 2000 gelegen haben. Khorasan ist der Name eines früheren Kalifats, das sich über Teile der heutigen Staaten Afghanistan, Iran, Pakistan und Turkmenistan erstreckte.

Bereits im März sah die IS-K-Expertin Amira Jadoon von der Militäruniversität West Point die aktuelle Situation - keine US-Präsenz, die Taliban an der Macht - als ideale Voraussetzung für die Aktivitäten der Terrororganisation. "Das derzeitige Hauptziel des IS-K ist, politisch relevant zu bleiben (..) und die Glaubwürdigkeit der Taliban zu untergraben", sagte Jadoon der "Washington Post" nach dem Bombenanschlag.

Das Machtvakuum und den Feldzug der Taliban haben die Islamisten genutzt, um ihre Aktivitäten auf mehrere afghanische Provinzen auszuweiten, darunter auch Kabul. Von März bis Juni rechneten die Vereinten Nationen bereits 88 Anschläge in Afghanistan dem Islamischen Staat zu. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 16 gewesen. In den vergangenen Monaten sollen zudem Talibankämpfer zum IS-K übergelaufen sein. "Afghanistan ist jetzt das Las Vegas des Terrorismus, der Radikalen und Extremisten", sagte ein ehemaliger afghanischer Sicherheitsfunktionär der "New York Times". Aus anderen asiatischen Ländern kamen insgesamt bis zu 10.000 Extremisten ins Land, um sich den Taliban, Al-Kaida und dem IS-K anzuschließen.

Das Versprechen der Taliban

Anführer des IS-K ist Shabab al-Muhajir, er gilt als Experte für urbane Kriegsführung. Der Emir rückte Mitte 2020 an die Spitze der Organisation und soll danach die komplexeren Angriffe geplant haben, etwa im August vergangenen Jahres die 20-stündige Belagerung eines Gefängnisses in der afghanischen Stadt Jalalabad. Wollten die USA den Emir des IS-K oder auch andere Anführer töten, wie es Biden angekündigt hat, müssten sie auch dies per Spezialeinsatzkommando oder mit Drohnen tun.

Derzeit starten die unbemannten Flugeinheiten von den Vereinten Arabischen Emiraten am Persischen Golf aus, schreibt die "New York Times". Ideal ist das aus Sicht des US-Militärs nicht. Mit zunehmender Flugdauer verringert sich die Einsatzzeit und Erfolgsquote der Drohnen. Um deren Flugzeiten zu verkürzen, wären neue Stützpunkte in Zentralasien nötig - ob offiziell oder geheim. Russland hat klargemacht, es sei gegen jegliche Militärpräsenz der USA in der Region. Ohnehin tötet das US-Militär mit seinen Kampfdrohnen häufig Unschuldige. Deren Familie und Freunde werden dann potenziell zu Feinden.

Der Eindruck bleibt, dass die Taliban ihr vertragliches Versprechen, dass von Afghanistan keine internationalen Terroranschläge ausgehen werden, womöglich nicht werden erfüllen können. Ob sie sich unter den aktuellen Umständen wie angekündigt von Al-Kaida lösen, ist höchst fraglich. Je größer die wahrgenommene Bedrohung durch IS-K, desto mehr drängt sich zugleich den USA eine engere Zusammenarbeit mit den Taliban auf. Salopp gesagt: Womöglich gehen die USA einen Pakt mit einem Dämon ein, um den Teufel im Zaum zu halten.

Schon in den vergangenen zwei Wochen hat das US-Militär ihre Informationen mit den Taliban geteilt, um Anschläge zu verhindern. Es half nicht. Den Machthabern in Kabul würde eine Allianz mit den USA nützen, vielleicht brauchen sie sogar die Unterstützung des Auslands, um sich zu etablieren. Verdachtsmomente über ein Zweckbündnis von Taliban und IS-K versuchte Biden zu zerstreuen: Es gebe "keine Beweise geheimer Absprache", sagte er. Sein General McKenzie äußerte sich ähnlich.

Quelle: ntv.de

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