Samstag, 12. März 2022

Atomkraftwerke als Kriegswaffe So ist die Lage in den ukrainischen AKW

Dass Russland ukrainische Kernkraftwerke erobert, bereitet vielen Menschen Sorgen.

(Foto: picture alliance/dpa/SOPA Images via ZUMA Press Wire)

Die Ukraine betreibt 15 Atomreaktoren an vier Standorten. Nach seinem Einmarsch scheint Russland sie als strategische Waffe einzusetzen. Die Internationalen Energieagentur versucht zu vermitteln. Sorgen bereitet vor allem eine gekappte Stromversorgung in Tschernobyl.

Die Ukraine ist nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IAEA) der weltweit siebtgrößte Produzent von Atomenergie. Das Land betreibt insgesamt 15 Reaktoren an vier Standorten - die Russland nach seinem Einmarsch als strategische Waffe einzusetzen scheint. Die Atomruine Tschernobyl und das europaweit größte Kernkraftwerk in Saporischschja haben russische Truppen bereits erobert. Nicht weit entfernt, am AKW Süd-Ukraine, wurden ebenfalls Truppenbewegungen gemeldet. Sorgen bereitet aber vor allem eine gekappte Stromversorgung. Im Westen des Landes ist die Lage dagegen vergleichsweise ruhig - noch.

Tschernobyl

Technikern ist es am ehemaligen Atomkraftwerk Tschernobyl gelungen, einen Teil der Stromleitungen zu reparieren. Das berichtete die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien am Freitagabend unter Berufung auf den ukrainischen Betreiber. Die Stromversorgung für die Kühlung von Brennelementen war am Mittwoch unterbrochen worden. Die IAEA sah darin aber kein Sicherheitsproblem. Notstromgeneratoren liefern dort Strom. Die Atomruine war am ersten Tag der Invasion von russischen Truppen erobert worden und befindet sich seitdem unter ihrer Kontrolle. Mehr als 200 technische Mitarbeiter und Wachleute sind auf dem Gelände eingeschlossen. Sie arbeiten inzwischen 16 Tage am Stück ohne Ablösung. Normalerweise arbeiten mehr als 2000 Menschen in rotierenden Schichten in dem Sperrgebiet. Nach Angaben der IAEA besteht keine Verbindung zu den Überwachungssystemen der Atomruine. Damit wird unter anderem festgestellt, ob radioaktives Material entweicht.

Russland hatte am Donnerstag erklärt, dass belarussische Experten die Stromversorgung wieder hergestellt hätten. Nach Angaben der ukrainischen Atom-Aufsichtsbehörde vom Freitag war das aber nicht der Fall. In dem alten Meiler wird unter anderem Strom benötigt, um die Brennelemente der drei stillgelegten Reaktoren kühlen zu können. Für Notfälle stehen Dieselgeneratoren bereit, deren Tank ukrainischen Angaben zufolge nach 48 Stunden aufgebraucht ist.

Saporischschja

Russische Truppen haben Europas größtes AKW nach einem Feuergefecht am 4. März besetzt. Zum Zeitpunkt des russischen Angriffs befanden sich drei von sechs Reaktoren bereits in Revision. Zwei weitere, die Blöcke 2 und 3, wurden heruntergefahren. Block 4 blieb in Betrieb. Block 2 wurde inzwischen wieder auf nahezu volle Leistung hochgefahren.

Nach Angaben der Ukraine wird das Kernkraftwerk weiterhin durch reguläres Personal betrieben. Es gebe keine veränderten Strahlenwerte, teilte die staatliche Betreiberfirma Energoatom am Freitag mit. Die Mitarbeiter würden jedoch von russischen Truppen unter Druck gesetzt. "Alle Mitarbeiter werden bei ihrer Ankunft von bewaffneten Terroristen gründlich kontrolliert. Das beeinträchtigt die Arbeit und gefährdet die Sicherheit", erklärte sie.

Der ukrainische Energieminister Herman Haluschtschenko ging einen Schritt weiter. Er behauptete Anfang der Woche auf Facebook, dass das Personal als Geisel gehalten und von den russischen Truppen gefoltert werde. Nach Angaben von IAEA-Chef Rafael Grossi widerspricht selbst die russische Besatzung dem internationalen Sicherheitskonzept von Kernkraftwerken.

Grossi bot an, persönlich nach Saporischschja, Tschernobyl oder an einen anderen Atom-Standort in der Ukraine zu reisen, um über die Sicherung der Nuklearanlagen zu verhandeln. Am Donnerstag traf er sich im türkischen Antalya mit dem ukrainischen Außenminister Dmytro Kuleba und dem russischen Außenminister Sergej Lawrow, um über die Thematik zu reden. Demnach sind beide Seiten "bereit", bei der Sicherheit der Atomanlagen zusammenzuarbeiten.

Am Freitag meldete Energoatom allerdings, dass Russland das besetzte Kernkraftwerk für sich beansprucht. Den Mitarbeitern sei gesagt worden, dass es nun dem russischen Staatskonzern Rosatom gehöre, erklärte der staatliche Energieversorger der Ukraine.

Süd-Ukraine

Das Kernkraftwerk Süd-Ukraine befindet sich rund 350 Kilometer südlich der Hauptstadt Kiew und 450 Kilometer westlich von Saporischschja nahe der Kleinstadt Juschnoukrajinsk. Mit seinen drei Reaktoren erzeugt es ungefähr halb so viel Energie wie Saporischschja. Nach ukrainischen Angaben sollte es nach Saporischschja das nächste Ziel der russischen Truppen sein. Das ukrainische Innenministerium hatte gemeldet, dass sie bereits auf dem Weg dorthin seien - und nur noch 30 Kilometer vom Kernkraftwerk Süd-Ukraine entfernt befinden, wie der Chef von Energoatom, Petro Kotin, in der "New York Times" erklärte. Diese Meldung liegt allerdings schon acht Tage zurück.

Chmelnyzkyj

Das Kernkraftwerk Chmelnyzkyj befindet sich im Westen der Ukraine. Die Blöcke 1 und 2 sind in Betrieb. Der Bau der Blöcke 3 und 4 wurde ebenfalls in den 80er Jahren begonnen, aber 1990 unterbrochen. Im Anschluss diskutierten Russland und die Ukraine regelmäßig eine Vollendung, alle Vereinbarungen dazu wurden allerdings 2015 nach der russischen Annexion der Krim und dem Konflikt in der Ostukraine aufgehoben. Im November 2020 wurden die Arbeiten mit Unterstützung der EU wieder aufgenommen.

In der Region Chmelnyzkyj sollen am 24. Februar, dem ersten Tag der russischen Invasion, zwei Munitionslager angegriffen worden sein. Seitdem finden sich keine weiteren Berichte über russische Angriffe.

Riwne

Das Kernkraftwerk Riwne befindet sich im Nordwesten der Ukraine, nicht weit entfernt vom AKW Chmelnyzkyj und der belarussischen Grenze. Am zweiten Tag der Invasion wurden Kämpfe aus der Region gemeldet. Berichten zufolge gab es zwei russische Luftschläge auf den Flughafen der Stadt Riwne, die aber nicht zum Erfolg führten.

In einer Reportage der amerikanischen Rundfunkplattform NPR hatte der Kraftwerksdirektor am vergangenen Dienstag erklärt, dass es bisher keinen Versuch russischer Truppen gab, den Meiler einzunehmen. Demnach befindet sich das Kernkaftwerk nach wie vor in Betrieb

Am Freitag hatte das ukrainische Zentrum für Strategische Kommunikation erklärt, es könne nicht ausschließen, dass Belarus ebenfalls einen baldigen Angriff auf die Ukraine starten werde. Auf Twitter erklärte die ukrainische Abgeordnete Lesia Vasylenko unter Berufung auf die Streitkräfte, dass das Ziel des möglichen Einmarschs die Stadt Riwne sei.

Was will Russland mit den Atomkraftwerken?

Es gibt zwei Vermutungen, beide laufen im Endeffekt auf Erpressung als Kriegstaktik hinaus. Eine Möglichkeit ist demnach, dass Russland der Ukraine durch die Eroberung der AKW die Stromversorgung abschneiden und die Führung in Kiew auf diese Weise zur Kapitulation zwingen will. Das ist vor allem deshalb vorstellbar, weil die Hälfte des Stroms in der Ukraine durch Kernkraft erzeugt wird. "Wenn sie die Stromerzeugung im Süden kontrollieren, kontrollieren sie den gesamten Süden", warnt auch Energoatom-Chef Kotin.

Die zweite Möglichkeit betonen die ukrainischen Streitkräfte sehr oft und sehr deutlich: Sie erwarten zwar nicht, dass der russische Präsident Wladimir Putin seine Atomwaffen einsetzt, vermuten allerdings, dass er einen zweiten Atomunfall provozieren könnte: "Putin wird keine Atomwaffen einsetzen, aber er droht, aus Saporischschja das nächste Tschernobyl zu machen", sagte ein Vertreter des ukrainischen Militärs beim Besuch von NPR in Riwne.

Quelle: ntv.de

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