Sonntag, 06. Juni 2021

130 km/h auf Autobahn Tempolimit - Ideologie oder notwendig?

Ist Tempo 130 künftig das Maximum auf deutschen Autobahnen?

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Debatte ist so alt wie das moderne Auto: ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Annalena Baerbock möchte es durchsetzen, wenn sie erste grüne Bundeskanzlerin wird. Maximal 130 Kilometer pro Stunde sollen erlaubt sein. Aber Streit ist programmiert.

Auf zwei von drei Autobahnkilometern in Deutschland gibt es statistisch betrachtet keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Dort darf das Gaspedal durchgedrückt werden - sofern es die Verkehrslage erlaubt und keine Baustellen das Tempo drosseln. Die Grünen wollen das nach der Bundestagswahl ändern. Und damit ist die Partei um Spitzenkandidatin Annalena Baerbock nicht allein. Laut einer Umfrage des Umweltbundesamtes sind zwei von drei Deutschen eher dafür, ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen einzuführen. Die SPD will ebenfalls eine Geschwindigkeitsbegrenzung durchsetzen. Die Linke hat sogar die Forderung nach Tempo 120 in ihr Wahlprogramm geschrieben. Ein Drittel der Deutschen ist jedoch dagegen und pocht auf Freiheit.

Das hält Verkehrswissenschaftler Harald Kipke von der Technischen Hochschule Nürnberg im ntv-Podcast "Wieder was gelernt" für falsch. Eine allgemeine Geschwindigkeitsbegrenzung würde vor allem zu mehr Sicherheit führen. "Jede Senkung der Geschwindigkeit ist in doppelter Hinsicht ein Sicherheitsgewinn. Zum einen, weil die kinetische Energie und damit auch die theoretische Kollisionsenergie sinkt. Zum anderen ist es auch so, dass Autofahrer in ihrer Reaktionszeit einen kürzeren Weg zurücklegen und somit schneller und besser ausweichen können."

ADAC ist neutral

Wie stark sich die öffentliche Meinung bei der Frage nach einem Tempolimit auf deutschen Autobahnen gedreht hat, zeigt sich vor allem am Beispiel des ADAC. Der größte deutsche Automobil-Club verhält sich in der Debatte um eine generelle Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit mittlerweile neutral. Denn auch seine Mitglieder sind stark geteilter Auffassung, teilt der ADAC auf ntv-Anfrage mit.

1974 klang das noch ganz anders, als der Autoclub die mittlerweile berühmte Kampagne "Freie Fahrt für freie Bürger!" startete und damit einen großen Erfolg landete. Statt eines diskutierten generellen Tempolimits von 100 km/h wird auf den Autobahnen damals nur die unverbindliche Regelgeschwindigkeit von 130 km/h eingeführt. Die gilt in Deutschland bis heute.

Aber je höher die Geschwindigkeit, desto länger ist der Bremsweg. Dadurch erhöht sich die Wucht eines Aufpralls, das sind physikalische Gesetzmäßigkeiten. Trotzdem nimmt die Zahl der schweren Unfälle auf Autobahnen mit Toten und Verletzten deutlich ab. Im vergangenen Jahr starb gut jeder zehnte Verkehrstote auf einer Autobahn. Die meisten schweren Unfälle haben sich innerorts ereignet, die meisten tödlichen auf Landstraßen. Statistisch gesehen sind Autobahnen die sichersten Straßen. "Umgekehrt muss man aber auch sagen, dass Autobahnen so gebaut sind, dass bestimmte Unfälle mehr oder weniger ausgeschlossen sind. Es gibt zum Beispiel keine kreuzenden Fahrzeugströme", betont Verkehrswissenschaftler Kipke.

Forderung nach Testlauf mit Tempo 150

Für zumindest eine testweise Einführung des Tempolimits auf deutschen Autobahnen setzt sich die Unfallforschung der Versicherer seit einigen Jahren ein. Es gebe noch zu wenige Untersuchungen zu den Auswirkungen von Geschwindigkeitsbegrenzungen, erläutert Leiter Siegfried Brockmann im ntv-Podcast. "Als Wissenschaftler bin ich immer dafür, dass wir Dinge machen, die wir auch hinreichend untersucht haben. Deswegen brauchen wir einen Großversuch. Den letzten gab es in den 1970er-Jahren, da hatten wir aber noch ganz andere Autos, die bei Tempo 140 sowieso irgendwann zugemacht haben."

Der Unfallforscher plädiert für einen Testlauf mit einem Tempolimit von 150 Kilometern pro Stunde. Das sei die Geschwindigkeit, die 90 Prozent der Autofahrer ohnehin selten überschreiten. Damit könne man auch das Problem der enormen Geschwindigkeitsdifferenzen in den Griff bekommen. "Wahrscheinlich würden 90 Prozent der Bevölkerung dahinterstehen", erwartet Brockmann. "Aber da führt wohl im Moment kein Weg hin, weil man es von interessierter Seite auch gerne ideologisieren möchte."

Als "pure Ideologie" bezeichnet der Automobilclub von Deutschland ein generelles Tempolimit auf Autobahnen. Der "mündige Bürger" müsse auch in Zukunft "bei guten Wetterbedingungen straffrei mit höherer Geschwindigkeit" unterwegs sein dürfen, fordert der AvD. Kritiker von Tempolimits, so auch der AvD, behaupten zudem, dass langsameres Fahren die Unfallwahrscheinlichkeit sogar steigere, weil es monotoner sei und Autofahrer deshalb leichter abgelenkt würden.

"Pure Ideologie"

Das kann auch Brockmann nicht ganz von der Hand weisen. Aber auf der Autobahn sei das kein großes Problem, man habe abgesehen von der Geschwindigkeit immer etwas zu tun, sagt der Unfallforscher. "Es fahren nicht alle exakt die identischen Geschwindigkeiten. Es fährt jemand aus meiner Spur raus, ein anderer rein. Also es gibt schon einiges zu tun. Von daher halte ich die Gefahr für begrenzt."

Grundsätzlich gibt es das Phänomen aber, bestätigt auch Harald Kipke. Er verweist auf das sogenannte "Yerkes-Dodson-Gesetz". Demnach ist die kognitive Leistungsfähigkeit am höchsten, wenn das Anspannungsniveau im mittleren und nicht im unteren oder hohen Bereich liegt. Allerdings eigne sich diese Erkenntnis nicht als Argument gegen ein Tempolimit, findet der Verkehrsexperte, denn auch beim Schnellfahren könne man in "eine gewisse Monotonie" verfallen. Dann würden "genau die gleichen Mechanismen eintreten".

Manche Verkehrsforscher wie Harald Kipke erwarten für den Fall einer Tempolimit-Einführung auf Autobahnen auch einen Sicherheitsgewinn für Landstraßen. Die Begründung: Wer auf der Autobahn rast, erlebt einen Geschwindigkeitsrausch. Direkt im Anschluss fühlen sich 100 km/h auf der Landstraße enorm langsam an. Das kann schnell gefährlich werden. Das Problem: Auch dazu gibt es keine belastbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse.

Verschärftes Tempolimit auch auf Landstraßen?

Die Grünen und weitere Verfechter des Tempolimits sehen aber in einer Geschwindigkeitsbegrenzung generell nicht nur einen Sicherheitseffekt, sondern auch einen Beitrag zum Klimaschutz. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) gehört dazu. Der Verein setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 1986 für eine umweltfreundlichere Mobilität ein und fordert sogar Tempo 120 als Maximum auf der Autobahn. "Das Umweltbundesamt hat erst kürzlich analysiert, dass sich durch ein Tempolimit von 130 Kilometern pro Stunde etwa zwei Millionen Tonnen CO2 jährlich einsparen ließen. Wenn man auf Tempo 120 geht, sind es fast drei Millionen Tonnen. Das entspricht dem Effekt von etwa 1,3 Millionen weniger Autos auf deutschen Straßen", sagt Michael Müller-Görnert, verkehrspolitischer Sprecher beim VCD, im Podcast.

Der Verkehrsclub Deutschland fordert nicht nur Tempo 120 auf Autobahnen, sondern auch eine Geschwindigkeitsreduzierung auf Landstraßen, wo die meisten Autofahrer verunglücken. "Da ist Tempo 80 auf jeden Fall ein deutlicher Sicherheitsgewinn. Insofern brauchen wir auch auf Landstraßen eine neue Höchstgeschwindigkeit", fordert Müller-Görnert.

Tempo 80 zumindest auf schmalen Landstraßen befürworten auch der ADAC und Unfallforscher Brockmann. Das müsse dann aber für alle Verkehrsteilnehmer gelten, auch für schwere Lastwagen, die mehr als 7,5 Tonnen auf die Waage bringen. Tempo 80 statt Tempo 60 "würde auch den Überholdruck minimieren".

Selbst wenn nach der Bundestagswahl tatsächlich nur noch Tempo 130 auf deutschen Autobahnen erlaubt sein sollte, ist die Debatte um Geschwindigkeitsbegrenzungen längst nicht vorbei. Das gesamte deutsche Straßennetz umfasst etwa 230.000 Kilometer. Nur knapp 13.000 davon sind Autobahnen.

Quelle: ntv.de

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