Wirtschaft
01.04.2020

Näherinnen dürfen nicht helfen "Die Abmahn-Anwälte haben zu viel Freizeit"

Die Augsburger Näherei von Sina Trinkwalder könnte bis zu 60.000 Masken pro Tag produzieren.

(Foto: imago/epd)

Die Augsburger Näherei von Sina Trinkwalder könnte bis zu 60.000 Masken pro Tag produzieren.

(Foto: imago/epd)

Die Näherei von Sina Trinkwalder in Augsburg könnte 60.000 dringend benötige Nasen-Mund-Schutzmasken liefern - täglich. Das dürfen sie und Tausende andere, die gerne helfen würden, aber nicht, weil "Abmahn-Anwälte zu viel Freizeit haben" und Politiker sie im Stich lassen, wie Trinkwalder ntv.de erzählt.

ntv.de: Sie möchten mit Ihrer Näherei in der Corona-Krise helfen. Warum können Sie das nicht so, wie Sie wollen?

Sina Trinkwalder: Wir nähen bereits rund 10.000 Mund-Nase-Abdeckungen - hier muss ich schon aufpassen, dass ich nicht 'Schutz' oder etwas Ähnliches sage. Aber es könnten auch 50.000 oder 60.000 sein. Wir dürfen sie im Moment aber nur im offiziellen Auftrag von Behörden oder systemrelevanten Einrichtungen im Rahmen der Notversorgung abgeben. Das heißt, wir produzieren zum Beispiel mehrere Zehntausend Stück gerade im Auftrag der Stadt Augsburg, das geht. Edeka, die als Lebensmittelhändler als systemrelevant gelten und ihre Mitarbeiter versorgen möchten, dürfen wir auch beliefern. Aber jede kleine Anfrage von privaten Pflegediensten etwa oder Kinderhospizen müssen wir ablehnen.

Wo liegt das Problem?

Das Problem sind Abmahn-Anwälte, die im Homeoffice gerade offenbar zu viel Freizeit haben! Unsere Masken sind, wie die anderer Textilbetriebe und vor allem die Tausender Frauen mit Nähmaschinen in ganz Deutschland, die eigentlich helfen wollen und auch können, nicht als Medizinprodukte zertifiziert. Wer sie dennoch in Umlauf bringt, kann sich unter Umständen strafbar machen. Das gilt sogar, wenn man sie verschenkt oder wie wir zum Selbstkostenpreis abgibt.

Die Unternehmerin Sina Trinkwalder hat unter anderem die ökologisch-soziale Modefirma Manomana in Augsburg gegründet.

(Foto: imago/epd)

Die Unternehmerin Sina Trinkwalder hat unter anderem die ökologisch-soziale Modefirma Manomana in Augsburg gegründet.

(Foto: imago/epd)

Können Sie die Masken aus Ihrer Näherei nicht einfach zertifizieren lassen?

Klar! Im Juli oder August könnten wir dann sicher relevante Stückzahlen liefern! Aber die dringenden Anfragen liegen natürlich jetzt vor. Wir bekommen täglich Hunderte E-Mails von flehenden Pflegeleitern, Ärzten und anderen, die teils überhaupt keine Schutzkleidung mehr haben. Vor allem die Tausenden Privatpersonen, die mit ihrer Nähmaschine helfen wollen, die können sich gar nicht zertifizieren lassen. Die sind zum Nichtstun verdammt oder gehen ein erhebliches Risiko ein.

Unter anderem hat der bayerische Wirtschaftsminister Aiwanger doch dazu aufgerufen, Masken zu nähen. Der müsste Ihnen doch helfen können.

Die Ignoranz der Politiker regt mich besonders auf im Moment: Bei Presseterminen und auf Twitter geben sie wohlfeile Ratschläge. Aber tatsächlich kümmert sich gerade niemand darum, den wohl dringendsten Engpass im Gesundheitswesen zu beseitigen. Das bayerische Wirtschaftsministerium hat uns auf Anfrage an das Gesundheitsministerium verwiesen. Da heißt es, wir sollen unser Anliegen bitte schriftlich einreichen. Auf die Antwort warten wir jetzt. In dieser ganzen Zeit infizieren sich jeden Tag Menschen oder verbreiten das Virus gerade bei den am stärksten Gefährdeten, den alten und kranken Patienten in Pflegeheimen, weil diese einfachsten Hygiene-Hilfsmittel fehlen!

Was fordern Sie konkret?

Hier ist die Bundesregierung gefordert, schnell Rechtssicherheit zu schaffen. Ich bin keine Juristin, aber es muss doch möglich sein, dass ein Minister sagt: "Wer hilft, den Engpass beim einfachen Mund-Nasen-Schutz zu beheben, hat nichts zu befürchten. Die Abmahn-Anwälte halten mal für zwei Monate die Füße still."

Mit Sina Trinkwalder sprach Max Borowski

Quelle: ntv.de

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