Wirtschaft
15.02.2020

Sorgen um Nachschub aus China Ohne die Werkbank der Welt geht nichts

Von Diana Dittmer

Das Coronavirus zeigt: China, die Werkbank der Welt, könnte den Zenit überschritten haben.

(Foto: REUTERS)

Das Coronavirus zeigt: China, die Werkbank der Welt, könnte den Zenit überschritten haben.

(Foto: REUTERS)

China schickt die Arbeiter in die Fabriken zurück. Doch so einfach ist das nicht, noch ist die Corona-Epidemie nicht eingedämmt. Die Produktion wieder komplett hochzufahren, wird dauern. Die globalisierte Welt mit ihrer hypervernetzten Wirtschaft wird empfindlich gestört.

Der Weltwirtschaft droht durch die Corona-Epidemie in China ein gefährlicher Dominoeffekt. Laut EU-Wirtschaftskommissar Paolo Gentiloni ist es zwar noch zu früh, die Gefahren genau einzuschätzen. Trotzdem wird schon jetzt deutlich, wie verwundbar die eng verzahnte Ökonomie des 21. Jahrhunderts ist. Die Werkbank der globalisierten Wirtschaft ist weitgehend lahmgelegt, die Lieferketten reißen ab - und die Regale im Rest der Welt werden zusehends leerer.

Zwar sollten die Fabriken in China ab dem 10. Februar ihre Tore wieder öffnen. Aber noch ist die Fertigungsindustrie weit von ihrem Vor-Corona-Niveau entfernt. "Für zahlreiche europäische Hersteller ist ungewiss, ob wichtige chinesische Komponenten geliefert werden können", schreibt das Mercator Institute for Chinese Studies (Merics) in seinem jüngsten Newsletter. Einige Unternehmen dürften "vorübergehend gezwungen sein, Fabriken in Europa zu schließen, wenn chinesische Partner die Produktion nicht bald wieder aufnehmen".

Angesichts von strengen Reisebeschränkungen, Quarantänevorkehrungen und gesundheitlichen Bedenken durch die Kommunalverwaltungen hat die Regierung in Peking laut Merics keinerlei Einfluss darauf, wann die Angestellten wirklich an ihre Arbeitsplätze zurückkehren. Bis alle wieder normal arbeiten würden, könnte es Anfang März werden, heißt es. Berichte des japanischen Finanzhauses Nomura decken sich mit dieser Einschätzung. "Eine schlechte Koordination zwischen den lokalen Regierungen führt zu übermäßigen Straßensperren, die für die meisten Unternehmen zu einem logistischen Albtraum führen", zitiert der US-Sender CNBC den Chefökonom für China Ting Lu. Der in Shenzhen ansässige Technologieriese Tencent hat seine Beschäftigten vorsorglich angewiesen, bis Freitag, den 21. Februar von Zuhause aus zu arbeiten.

Viele Firmen in China spüren seit Ausbruch des Coronovirus kräftigen wirtschaftlichen Gegenwind. Verlängerte Werksferien, eine sinkende Nachfrage und weniger Konsum machen ihnen zu schaffen. "Es ist möglich, dass das Coronavirus im ersten Quartal zum Abbau von zwei bis drei Millionen Arbeitsplätzen führt", sagte ein chinesischer Analyst diese Woche. Besserung scheint vorerst nicht in Sicht.

Lieferengpässe, leere Regale, Hamsterkäufe

Der Stillstand kommt für alle zur Unzeit. China ist immer noch die Lokomotive der Weltwirtschaft. Bereits 2019 war die Konjunktur wegen des Handelskonflikts mit den USA so langsam gewachsen wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr. Die Epidemie wird zusätzliche Bremsspuren hinterlassen. IWF-Chefin Kristalina Georgieva gab vergangene Woche im US-Sender CNBC zu bedenken, dass die Weltwirtschaft zurzeit "etwas weniger stark" sei als in den Jahren 2002 und 2003 während der Sars-Epidemie. "China war anders, die Welt war anders. Die Weltwirtschaft war damals sehr stark", sagte Georgieva. Hinzuzufügen ist: Chinas Anteil an der Weltwirtschaft war damals auch deutlich geringer als heute. Dass wieder mal das Schreckgespenst Rezession durch die Welt geistert, überrascht nicht. Nachrichten über Lieferengpässe, leere Regale und Hamsterkäufe - quer durch alle Branchen - sind seine Vorboten.

Beim Apple-Zulieferer und weltweit größten Auftragshersteller Foxconn ist laut Merics bislang nur jeder zehnte Mitarbeiter an seinen Arbeitsplatz zurückgekehrt. Apple warnte seine Investoren deshalb schon vor Verlusten. Hiobsbotschaften hagelt es auch von den Autobauern, die bereits unter den teuren Investitionen in die Elektromobilität und schrumpfenden Absatzzahlen im größten Automarkt der Welt ächzen. Mit dem grassierenden Virus wird ihre Produktion nun auch noch durch fehlende Teile bedroht. Der italienische Autohersteller Fiat erwägt, einen seiner vier europäischen Standorte wegen Nachschubproblemen zu schließen. Andere Autobauer wie Mercedes-Benz und Ford konnten ihre Anlagen in China ebenfalls nur teilweise wieder hochfahren. Auch Tesla, Toyota und Volkswagen warnten vor Betriebsstörungen.

Laut dem chinesischen Verband der Automobilhersteller (CAAM) hat bislang nur ein Drittel der erfassten Produktionsstätten die Arbeit wieder aufgenommen. Der Verband schätzt, dass der Virus-Ausbruch insgesamt zu Ausfällen von einer Million Fahrzeugen führen könnte. Aptiv, einer der weltweit führenden Zulieferer der Autoindustrie mit Hauptsitz in Dublin rechnet mit einem Produktionsrückgang von 15 Prozent. Einige Zulieferer könnten sogar in den Konkurs getrieben werden, warnte der Verband. Die Regierung in Peking versucht bereits, angeschlagenen Firmen mit Krediten unter die Arme zu greifen. Trotzdem sind die Folgen der schrumpfenden Produktion im Rest der Welt bereits zu spüren.

Eine Umfrage des Düsseldorfer Beratungsunternehmens Kloepfel unter 243 Fach- und Führungskräften in der deutschen Industrie ergab, dass hierzulande annähernd jede dritte Firma Ausfälle von Lieferanten verzeichnet. Derzeit könnten sie zwar noch durch alternative Anbieter ausgeglichen werden, heißt es. Ein Fünftel der befragten Firmen befürchte aber, dass Lieferengpässe ihre Produktion über kurz oder lang ganz stilllegen könnten.

Nachschubprobleme bei Antibiotika möglich

Über Nachschubprobleme klagt auch die deutsche Fahrradindustrie. Laut einer Umfrage des Zweirad-Industrie-Verbandes (ZIV) erwarten mehr als 90 Prozent der Hersteller in dieser Saison Lieferverzögerungen, weil in China die Lieferketten gestört seien oder gar stillstünden. Mehr als die Hälfte der Firmen rechne damit, dass vom Handel bestellte Fahrräder erst vier bis sechs Wochen später als geplant ausgeliefert werden können. Fahrräder werden wie Automobile aus einer Vielzahl von Teilen montiert, die von unterschiedlichen Zulieferern stammen. Ein Großteil der in Deutschland verkauften Fahrräder wird importiert, laut Zahlen des ZIV waren das im Jahr 2018 rund 87 Prozent. Selbst an Rädern deutscher Hersteller finden sich zahlreiche in Asien hergestellte Komponenten.

Besonders alarmierend sind Berichte über mögliche Nachschubprobleme bei Medikamenten. Pharmaexperten warnen, die Produktionsausfälle in China könnten zu Antibiotika-Engpässen in Deutschland führen. Da die Herstellung von Wirkstoffen in der stark betroffenen Provinz Hubei stillstehe, schwänden die Lagervorräte für die Weiterverarbeitung, sagte Morris Hosseini, Pharmaexperte bei der Beratungsgesellschaft Roland Berger. Kurzfristig reichten die Bestände noch aus, doch bei einem längerfristigen Stopp in den chinesischen Werken drohten Lieferengpässe.

Auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn räumte ein, dass Medikamentenengpässe noch mit Zeitverzögerung eintreten könnten. Container aus China seien rund vier Wochen nach Europa unterwegs. "Das heißt, es kommt jetzt noch etwas an", sagte er. Dies könne sich aber demnächst ändern, wenn sich die chinesischen Produktionsstopps auswirkten. Außerdem sei es nicht ausgeschlossen, "dass aus der bisher regional begrenzten Epidemie in China eine weltweite Pandemie werden kann", sagte Spahn. Die Lage könne "erst noch schlechter werden wird, bevor es besser wird".

Amazon kauft China-Produkte auf Vorrat

Wer kann, bemüht sich um Schadensbegrenzung. Aufgrund der angespannten Lage neigten Unternehmen zu Hamsterkäufen, berichtet Marc Kloepfel vom gleichnamigen Beratungsunternehmen. "Dies betrifft neben der produzierenden Industrie auch sehr stark den Handel." Das Portal Business Insider zitiert interne Emails des US-Versandhändlers Amazon, aus denen hervorgeht, dass der Konzern seine Lieferanten in China kontaktiert und zusätzliche Bestellungen "für mehrere Wochen auf Vorrat" aufgegeben hat. Das Coronavirus sei eine "weltweite Krise", die die Lieferkette jedes Unternehmens unterbreche, unterstreicht der Geschäftsführer des Amazon-Großhandelspartners MGA, Isaac Larian, die Vorsorgemaßnahme.

Alternativ versuchten global tätige Unternehmen ihre Lieferketten auch zu verschieben, berichtet die Bank of America. Insgesamt 80 Prozent der von ihnen beobachteten Unternehmen aus zwölf Branchen in den Regionen Nordamerika, Europa und Asien-Pazifik hätten eine Verlagerung von Teilen ihrer Lieferketten entweder schon umgesetzt oder aber angekündigt, heißt es. Profitieren dürften davon vor allem die Regionen Südostasien, Indien und Nordamerika. Auch wenn der Anteil insgesamt noch gering ist, sehen die Experten darin einen Beleg für einen existierenden Trend weg von der Globalisierung hin zu einer "Lokalisierung". Vorerst dürfte dieser Effekt anhalten. Denn noch wächst die Anzahl der infizierten Menschen von Tag zu Tag. Ein führender Wissenschaftler für Infektionskrankheiten warnte kürzlich, dass über kurz oder lang zwei Drittel der Weltbevölkerung vom Coronavirus betroffen sein könnte.

Quelle: ntv.de

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