Sonntag, 29. Mai 2022

Neuwagen als Mangelware Droht der deutschen Autoindustrie eine Rezession?

Mangelware Neuwagen: Das ruft Erinnerungen wach.

(Foto: dpa)

Ukraine-Krieg, Halbleitermangel, Lieferkettenprobleme: Die Rekordgewinne der deutschen Automobilindustrie passen da irgendwie nicht dazu. Dennoch gibt es sie. Aber China könnte ihnen nun endgültig den Garaus machen und die deutsche Schlüsselindustrie in eine ernste Krise stoßen.

Selten hat es in der deutschen Autoindustrie einen schärferen Kontrast zwischen den üblichen Hurra-Meldungen in Verbindung mit ambitionierten Wachstums- und Renditeplänen in der Zukunft und einem sich zunehmend verdüsternden wirtschaftlichen Umfeld in der Gegenwart gegeben. Und das ausnahmslos bei allen Herstellern. Die tun so, als gäbe es einen immerwährenden Branchenfrühling, und blenden alles andere komplett aus, wie etwa die steigende Kaufzurückhaltung der Verbraucher aufgrund immer weiter steigender Preise in den Supermärkten, beim Thema Heizen und Strom sowie an den Tankstellen.

Noch schärfer ausgedrückt: So etwas gab es noch nie! Zum einen sind die Auftragsbücher zum Bersten gefüllt und Neu- und Gebrauchtwagenmärkte wie leergefegt. Es gibt Lieferfristen bis zu einem Jahr und die Konzerngewinne explodieren. Zum anderen ist die Produktions- und Beschäftigungssituation aber grottenschlecht.

Automobiler Auftragsstau

So lag beispielsweise der Absatz im "Heimatmarkt" Europa im April 2022 um 20,6 Prozent unter dem Vorjahresniveau. In Italien betrug das Minus sogar 33 Prozent, in Frankreich waren es 22,6 Prozent und in Deutschland auch 21,5 Prozent. Ein ähnlich trübes Bild zeigt sich rund um den Erdball. Allein in China, bisher der Wachstumsmotor der Branche, brachen die Verkäufe im April um 43,1 (!) Prozent ein. In den USA waren es noch 19,2 Prozent, in Japan 15,3 Prozent und in Brasilien 16,7 Prozent.

Maßgebend dafür ist ein Produktionsstillstand wegen Materialmangels. Autos sind Mangelware geworden! Nach einer Analyse des Ifo-Instituts hat sich bei deutschen Autoherstellern inklusive Zulieferern ein Rekordwert an unerledigten Aufträgen angehäuft. Die Auftragsreichweite in dieser Schlüsselindustrie ist mit 7,4 Monaten ungewöhnlich groß geworden. Die Herstelle selber, vor allem BMW und Daimler, vermelden für einzelne Modelle Lieferzeiten von bis zu 12 Monaten und mehr. VW nimmt teilweise sogar gar keine Aufträge mehr an. Stark betroffen sind dabei vor allem Elektro-Fahrzeuge.

Der automobile Auftragsstau ist nicht nur das Ergebnis der Erholung der während der Corona-Lockdown aufgestauten Nachfrage nach deutschen Automobilen. Sie ist vor allem den anhaltenden Schwierigkeiten der Unternehmen geschuldet, die bestehenden Aufträge wegen fehlender Rohstoffe und Zulieferteile in der gesamten Wertschöpfungskette zeitnah abzuarbeiten.

Ohne russische Lieferungen von Aluminium, Magnesium, Palladium und Platin für den Bau von Katalysatoren und Elektrobatterien können Autos "made in Germany" nur noch in geringen Stückzahlen gebaut werden. Und ohne Speicherchips aus China und Asien überhaupt keins.

Das System funktioniert nicht mehr

Falls sich die globalen Lieferengpässe in den kommenden Monaten auflösen, könnte die Produktion nach Einschätzung des Ifo-Instituts zwar gewaltig durchstarten. Realistisch ist das jedoch nicht. Zu erwarten ist eher das Gegenteil: eine weitere Verschärfung der Lieferengpässe als Folge des brutalen Corona-Lockdowns in China. In den dortigen Häfen stauen sich die im Ausland dringend benötigten Vorprodukte und Güter zum Export. China ist dabei, die Weltwirtschaft lahmzulegen, die Autoindustrie dabei an vorderster Stelle.

Das globale Liefer- und Produktionsnetzwerk, das die deutsche Industrie - insbesondere die Automobilbranche - in den letzten Jahrzehnten aufgebaut hat, erweist sich jetzt als Bumerang. Standortwahl und Warenaustausch nach internationalen Effizienz- und Produktivitätskriterien setzen einen ungestörten, von politischen Restriktionen freien Welthandel voraus. Das war eine Illusion, wie der Ukraine-Krieg schmerzhaft zeigt. Die Versorgungslage der Weltwirtschaft insgesamt, insbesondere in der Autoindustrie, spitzt sich zu. Die deutschen Hersteller müssen immer wieder Schichten streichen und Fabriken temporär schließen.

Schnelle Entwarnung? Fehlanzeige! Erste Stimmen werden inzwischen laut, die den globalen Engpass bei Speicherchips sogar bis 2024 verlängert sehen. Wiederum ist die Autoindustrie Hauptbetroffene. Autos ohne Speicherchips gibt es auf der Straße nur noch in Russland und Nordkorea, im Rest der Welt nur noch in Museen. Als Folge der Produktionsstörungen werden laut "Automobilwoche" im Inland 2022 etwa 700.000 Autos weniger gebaut werden können und damit rund ein Drittel der geplanten Jahresproduktion. Mit Ausnahme von Porsche sind alle Hersteller betroffen, vor allem aber VW. Laut Prognosen von IHS Markit wird allein die Marke VW in diesem Jahr global über eine halbe Million Einheiten verlieren. Bei den Premiummarken BMW und Mercedes-Benz fehlen bis Jahresende 100.000 beziehungsweise 80.000 Fahrzeuge.

Controller sind gefragt



Das ist bei allen Hersteller die Stunde der Finanzcontroller. Konzernintern werden die Produktionsmöglichkeiten nach den Gewinnmargen der Modelle ausgerichtet. Bei einem Vielmarken-Konzern wie Volkswagen ist diese Politik am leichtesten möglich. Präferiert werden die Premiummarken mit den höchsten Margen: Bei Porsche steigt die Produktion sogar jetzt in der Krise an, bei Audi geht sie nur leicht zurück. Diese Optimierung geschieht allerdings auf Kosten der Marke VW, bei der nach eigenen Angaben inzwischen über 500.000 Kundenaufträge aufgelaufen sind. Betriebsratschefin Daniela Cavallo bläht die Nüstern!

Auch bei BMW und Daimler sind solche Optimierungspotenziale gegeben. Und werden genutzt. So erläutert die Mercedes-Benz Group AG in den Geschäftszahlen für das erste Quartal 2022: "Die Mercedes-Benz Group AG erzielte im ersten Quartal 2022 ein starkes Finanzergebnis. Treiber hierfür waren vor allem ein starker Fokus auf Top-End-Fahrzeuge und Premium-Vans, eine verbesserte Preisdurchsetzung sowie anhaltende Kostendisziplin. Diese Maßnahmen trugen dazu bei, dass die bereinigte Umsatzrendite bei Mercedes-Benz Cars im ersten Quartal auf 16,4 Prozent stieg."

Der Kunde ist nicht mehr König

Alles in allem hat das dazu geführt, dass sich die Verhältnisse auf dem Automarkt vollständig umgekehrt haben: War bisher der Kunde König, so sitzt jetzt der Verkäufer, sprich Autohersteller, am längeren Hebel. Die Preis-Marktmacht der Autoproduzenten hat deutlich zugenommen. Rabatte sind nahezu verschwunden, alle Hersteller profitieren über höhere Neuwagenpreise von dem Angebotsmangel. Das Ergebnis: Sämtliche Hersteller melden steigende Gewinnmargen und Rekordergebnisse. Nach einer Auswertung der Beratungsgesellschaft EY haben die Gewinne der 40 DAX-Konzerne im ersten Quartal 2022 kumulativ das Rekordniveau von 52 Milliarden Euro erreicht. Davon entfielen allein gut zwölf Milliarden Euro auf BMW. Acht Milliarden fuhr VW ein und über fünf Milliarden Mercedes-Benz. Die drei Autohersteller stehen damit für rund die Hälfte aller Gewinne der 40 DAX-Unternehmen.

Ist damit also alles im grünen Bereich? Mitnichten! Das weltwirtschaftliche Umfeld verdüstert sich im gleichen Tempo, wie global Inflation und Zinsen steigen. Die Rezessionsrisiken nehmen zu. Die Börsen fallen. Die allgemeine Verunsicherung in Wirtschaft und Gesellschaft wächst. Sollte in Deutschland ein Totalausfall von Erdgas, Erdöl und Kohle aus Russland hinzukommen, ist eine gesamtwirtschaftliche Rezession unvermeidlich. Diese würde dann auch eine Kettenreaktion in Europa auslösen. China und die USA würden eher den Abschwung noch verstärken als dämpfen. Das ist die große, in der Nachkriegsgeschichte bis dato einmalige Gefahr einer synchronen Abwärtsbewegung der Volkswirtschaften in allen Wirtschaftsblöcken gleichzeitig.

Die Autoindustrie mit ihrer weltumspannenden und tiefen sektoralen Verflechtung würde mit am stärksten betroffen sein. Mehr noch: Sie wäre auch hierbei ein Motor. Kein Wunder, dass manche Autoexperten bereits ein "Horrorjahr" für die Autoindustrie vorhersagen. Aber vielleicht kommt es auch anders, frei nach dem Rheinische Grundgesetz: "Et hätt noch emmer joot jejange!"

Quelle: ntv.de

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