Samstag, 25. Juni 2022

Verzögerungen befürchtet Wartung von Nord Stream 1 wird zur Zitterpartie

"Die Sorge, dass die Wartung von Nord Stream 1 ein Vorwand sein könnte, um den Stopp der Gaslieferungen zu verlängern, ist berechtigt."

(Foto: Stefan Sauer/dpa)

Russland hat bereits jetzt die Kapazität der Gas-Pipeline Nord Stream 1 auf 40 Prozent verringert. Gaslieferant Gazprom begründet den Schritt mit Verzögerungen bei Reparaturarbeiten. Nun stehen auch noch Wartungsarbeiten an, mit ungewissem Ausgang.

In Deutschland blickt man nervös auf die im Juli geplante Wartung der Ostsee-Gaspipeline Nord Stream 1. Denn die Sorge ist groß, dass der russische Staatskonzern die Wartung verlängern könnte oder künftig noch weniger Gas als bisher durch die Pipeline strömen lässt.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat bereits vor den Folgen gewarnt: "In der Vergangenheit hat diese Wartungszeit ungefähr zehn Tage gedauert." Es könne aber auch länger dauern. "Wenn sich die Dinge verschärfen, dann rutschen wir in ein Szenario rein, wo wir nicht genug Gas haben, über den Winter zu kommen." Auch Gasmarkt-Experten mahnen. Für Hanns Koenig, Analyst bei Aurora Energy, wäre es nicht überraschend, wenn Nord Stream 1 länger in Revision bliebe.

Der russische Gazprom-Konzern will die Doppelröhre vom 11. bis zum 21. Juli der alljährlichen Untersuchung unterziehen. In dieser Zeit strömt kein Gas durch die Pipeline nach Deutschland, das einen Großteil seiner Lieferungen über diese Leitung bezieht. Solche Wartungen sind nichts Ungewöhnliches. Sie sind sogar oftmals aus Sicherheitsgründen vorgeschrieben. Die Betreiber erledigen dies häufig im Sommer, wenn die Leitungen weniger ausgelastet sind. Manchmal werden dabei unerwartete Mängel gefunden. Gazprom lehnte einen Kommentar zu seinen Wartungsplänen im Juli ab.

Vertrauen in Vertragstreue Russlands ist Vergangenheit

Russland hat bereits jetzt die Kapazität der Pipeline auf 40 Prozent verringert und die Schuld daran dem Umstand gegeben, dass eine in Kanada überholte Gasturbine von Siemens Energy wegen der Russland-Sanktionen nicht an die Ostsee-Pipeline ausgeliefert werden kann. Habeck hat dies als Vorwand zurückgewiesen. Russland führe einen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland. Die Regierung in Moskau erklärte, man sei ein zuverlässiger Energielieferant und erfülle alle Verpflichtungen.

Fakt ist: Schon jetzt bekommen Abnehmer wie der Düsseldorfer Uniper-Konzern weniger als die Hälfte der vereinbarten Mengen. Für die so wichtige Befüllung der deutschen Gasspeicher für den Winter hat Uniper daher nach Aussage von Vorstandschef Klaus-Dieter Maubach derzeit nichts mehr übrig. Habeck hatte am Donnerstag für die Gasversorgung die Alarmstufe ausgerufen.

Bei einer weiteren Verschärfung könnten die Versorger die in die Höhe geschossenen Preise direkt an die Kunden weiterreichen, die bereits jetzt erhebliche Preissteigerungen verkraften müssen. Ein Jahresabnahmevertrag im Mai kostete 122 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, stellte das Portal Check24 fest. "Eine verlängerte Wartung von Nord Stream 1 würde den Markt weiter verknappen und es erschweren, die Gasspeicher bis zum Winter zu füllen", erläutert Experte Koenig das zentrale Problem. "Dies ist natürlich im strategischen Interesse Russlands."

Eigentlich seien auf anderen Lieferkorridoren wie der Jamal Pipeline durch Polen oder in der Ukraine hinreichend freie Kapazitäten, um Gas nach Europa zu leiten, selbst wenn Nord Stream 1 nicht mit voller Leistung betrieben werden könnte. Auch der Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), Fatih Birol, warnte Europa, sich auf alle Möglichkeiten vorzubereiten.

Angesichts des jüngsten Verhaltens Russlands würde er nicht ausschließen, dass die Regierung in Moskau hier und da Gründe für weitere Gaslieferreduzierungen vorbringe - selbst ein kompletter Stopp sei nicht ausgeschlossen. Der russische Regierungssprecher Dimitry Peskow weist solche Gedanken zurück: "Unsere deutschen Vertragspartner kennen die technischen Wartungszyklen von Pipelines sehr gut." Jahrelang habe das problemlos funktioniert. "Es ist verwunderlich, dass hier überall die Politik mit reingezogen wird."

Wann muss Gas rationiert werden?

"Die Sorge, dass die Wartung von Nord Stream 1 ein Vorwand sein könnte, um den Stopp der Gaslieferungen zu verlängern, ist berechtigt", sagt ein Händler, der nicht namentlich genannt werden wollte. "Man muss aber im Hinterkopf behalten, dass Russland die EU nicht als soliden und kreditwürdigen Abnehmer ersetzen kann." Europa ist Russlands größter Gas-Kunde. Das Land habe nicht genug Käufer, um den Ausfall der Einnahmen aus Europa wettzumachen, sagt auch Ole Hansen, Leiter der Rohstoff-Analyse der Saxo Bank. Allerdings profitiert Russland von höheren Gaspreisen, die mehr Geld für gleiche Mengen in die Kassen spült.

Selbst ein vollständiges Versiegen aller Gaslieferungen durch Nord Stream 1 über die Dauer der Wartung der Ostsee-Pipeline hinaus muss nach Berechnungen der Bundesnetzagentur aber nicht zwangsläufig zu einer Gasmangellage führen, in der das Erdgas für die Industrie von der Behörde rationiert würde. Das am Donnerstag vorgelegte Rechenmodell sieht dafür drei Bedingungen vor, die keineswegs einfach zu erfüllen wären: Es müsste eine marktbasierte, weitere Reduzierung der Gas-Exporte geben, die sich durch die Nord-Stream-Einschränkungen in der vergangenen Woche ohnehin schon verringert haben. Zudem müsste der Erdgas-Verbrauch in Deutschland ab Juli um 20 Prozent sinken - das geplante Zurückfahren der Gas-Kraftwerke in der Stromproduktion würde dafür bei Weitem nicht ausreichen. Und dann müssten auch noch zum Januar 2023 die beiden geplanten ersten LNG-Terminals in Schleswig-Holstein und Niedersachsen in Betrieb gehen und Flüssiggas liefern. Angesichts der erforderlichen Bauarbeiten gilt dies auch als eher optimistische Annahme.

Quelle: ntv.de , awi/rts

*Datenschutz