Freitag, 05. März 2021

Riskante Schulöffnungen Besonders bei Kindern steigen die Fallzahlen

Nach den jüngeren sollen noch vor Ostern auch die älteren Schüler wieder in den Präsenzunterricht zurückkehren.

(Foto: picture alliance/dpa)

Auch ältere Kinder sollen noch vor Ostern in die Schulen zurückkehren. Zahlen aus Dänemark, Italien, England oder Frankreich zeigen, dass das sehr riskant ist. Wissenschaftler raten zu größter Vorsicht und zum Einsatz präventiver Schnelltests.

Die Kultusminister der Länder sind sich einig, dass noch vor Ostern auch an weiterführenden Schulen wieder vor Ort unterrichtet werden soll. Das könnte ein riskantes Unterfangen werden, denn Zahlen aus Dänemark, Italien, England und auch aus Deutschland deuten darauf hin, dass die Inzidenzen besonders bei Kindern steigen und sich die Virus-Variante B.1.1.7 unter ihnen am schnellsten ausbreitet. Wissenschaftler der No-Covid-Initiative raten zu einem sehr behutsamen, differenzierten Vorgehen und zu einer begleitenden Teststrategie.

In der Diskussion um Schulschließungen beziehungsweise -öffnungen wird bisher oft von Entweder-oder-Positionen ausgegangen: Entweder sind Bildungseinrichtungen Pandemietreiber oder eben nicht. Das RKI umschreibt es in seinem jüngsten epidemiologischen Bulletin zu dem Thema so: "Manche WissenschaftlerInnen glauben, dass SuS (Schülerinnen und Schüler) kein 'Motor' des pandemischen Geschehens sind. Andere berichten anhand ihrer Daten, dass SuS genauso häufig wie Erwachsene infiziert sind und daher die Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch SuS substanziell zum Übertragungsgeschehen in der Bevölkerung beitragen."

Mutanten mischen Karten neu

Nach einer Analyse von Schulausbrüchen im vergangenen Jahr in den Wochen vor dem "harten" Lockdown-Beginn im Dezember kommt das RKI zu dem vorsichtigen Ergebnis, dass "SuS eher nicht als 'Motor' eine größere Rolle spielen, aber dass die Häufigkeit in einer engen Beziehung zur Inzidenz in der Gesamtbevölkerung steht."

Dabei scheine das Risiko, in einen Ausbruch involviert zu sein, bei den Sechs- bis Zehnjährigen am geringsten zu sein, schreibt das RKI. Außerdem könne es sein, dass im Vergleich zu jüngeren Altersgruppen Lehrkräfte eine wichtigere Rolle spielen. Und: Eine Ausbreitung ansteckungsfähigerer Varianten könne bedeuten, "dass Schulen einen größeren Beitrag zum Infektionsgeschehen spielen könnten, was wiederum bei den Überlegungen zu Öffnungen berücksichtigt werden sollte."

Kurz: Schulen sind zwar keine Pandemietreiber, haben aber vor allem bei steigenden Inzidenzen einen relevanten Anteil am Infektionsgeschehen. Außerdem steigt vermutlich das Risiko von Ausbrüchen in Bildungseinrichtungen mit der Ausbreitung der Virus-Mutante B.1.1.7. Aktuell steigen die Fallzahlen und auf das Konto der "britischen Variante" geht in Deutschland bereits rund die Hälfte der Neuinfektionen, in etlichen Regionen sicher auch schon ein größerer Anteil.

Höchste Ansteckungsraten bei Kindern

In Großbritannien ist die Variante bereits dominant, einer am 3. März veröffentlichten Analyse nach finden in England sogar schon mit rund 95 Prozent fast alle Ansteckungen durch B.1.1.7 statt. Dabei breitet sich laut einer Vorab-Studie des Londoner Imperial College die Mutante vor allem bei Jüngeren besonders schnell aus.

Die höchste Prävalenz haben demnach aktuell trotz eines Lockdowns mit Schulschließungen Kinder von fünf bis zwölf Jahren, nahezu gleich mit den 18- bis 24-Jährigen, gefolgt von Jugendlichen zwischen 13 und 17 Jahren. Trotzdem will Großbritannien ab kommenden Montag alle Schulen wieder öffnen.

Dänemark lockert zwar bereits seinen Lockdown, ist bei Schulen aber noch vorsichtig und lässt Unterricht ab der 5. Klasse nur regional zu. B.1.1.7 ist auch in unserem Nachbarland schon die vorherrschende Variante, das Statens Serums Institut (SSI) stellte dort bereits vor neun Tagen einen Anteil von deutlich über 60 Prozent fest.

Risiko steigt mit Anzahl der Kinder

Der Zusammenhang scheint eindeutig zu sein: Mit der Anzahl der Kinder im Haushalt steigt das Infektionsrisiko.

(Foto: SSI)

Der Zusammenhang scheint eindeutig zu sein: Mit der Anzahl der Kinder im Haushalt steigt das Infektionsrisiko.

(Foto: SSI)

Für die Zurückhaltung der Dänen bei Schulöffnungen spielt die Sorge wegen der Mutante sicher eine Rolle. Außerdem zeigt ein frisches Preprint im Auftrag des SSI, dass Schüler durchaus über ihre Familien ein Multiplikator in der Pandemie sein können. Das wichtigste Ergebnis des Papiers ist nämlich, dass das Risiko von Erwachsenen mit jedem Kind in ihrem Haushalt steigt, vor allem wenn dieses älter als sechs Jahre ist.

Auch ein Blick nach Italien mahnt zur Vorsicht bei Schulöffnungen. Gesundheitsminister Roberto Speranza sagte laut englischer AP, die Mutante sei unter Italiens infizierten Schulkindern weit verbreitet und trage zu einem "robusten" Anstieg der Ansteckungskurve im Land bei.

Der Gesundheitsbehörde zufolge betrug der B.1.1.7-Anteil der positiven Tests in Italien am 18. Februar 54 Prozent. Heute sei der Prozentsatz aber sicher schon höher, so Behördenleiter Brusaferro. Die Inzidenz bei den jungen Leuten übertreffe jetzt auch die der alten, schreibt AP.

In Deutschland steigen Inzidenzen der Jüngsten

In Deutschland sieht es bei den Ansteckungsraten ähnlich aus. Im RKI-Lagebericht vom vergangenen Dienstag ist nur noch die Inzidenz bei den über 90-Jährigen höher als bei den jungen Altersgruppen. Die Fallzahlen sinken auch nur bei den Menschen über 75 Jahren, in allen anderen Altersgruppen steigen sie seit Anfang Februar wieder an. Am stärksten sind die Inzidenzen bei den unter 19-Jährigen nach oben gegangen.

In der Vorwoche registrierte das RKI bei den Kindern bis fünf Jahren noch 35 Fälle pro Woche und 100.000 Einwohner, jetzt sind es 47. In der Altersgruppe darüber kletterte die Inzidenz von 42 auf 53, bei den 10- bis 14-Jährigen von 42 auf 51 und bei den Jugendlichen zwischen 15 und 19 Jahren von 67 auf 77.

Da in Deutschland von Mitte November bis Mitte Februar nur bei eindeutigen Symptomen getestet wurde und Kinder und Jugendliche oft keine deutlichen Krankheitsanzeichen zeigen, könnte hier die Dunkelziffer hoch sein. Dafür spricht auch eine Studie im US-Bundesstaat Mississippi, auf die Virologe Eric Feigl-Ding hinweist. Demnach war dort die tatsächliche Zahl der Neuinfizierten unter 18 Jahren im September fast 13-mal höher als die der registrierten Fälle. De facto hätten die Jugendlichen und Kinder damit zusammen mit den 18- bis 49-Jährigen die höchsten Ansteckungsraten gehabt.

Die Verfasser weisen aber unter anderem darauf hin, dass die Studie auf Blutproben aus nur einem Labor basiert und ein Test auf Antikörper ungenau sein kann. Außerdem sinkt die Dunkelziffer seit Mai kontinuierlich und dürfte jetzt bereits deutlich niedriger sein.

Auch Frankreich ist ein mahnendes Beispiel

Das aktuelle wöchentliche Update des französischen Gesundheitsdienstes spricht ebenfalls dafür, dass man sehr genau darauf achten muss, wie sich das Infektionsgeschehen bei Kindern infolge von Schulöffnungen in Kombination mit der Mutanten-Verbreitung entwickelt. Mit rund 65 Prozent erfasste die Behörde bei Kindern bis neun Jahren den höchsten B.1.1.7-Anteil in der Bevölkerung, auf Platz zwei folgen die 10- bis 19-Jährigen mit knapp 62 Prozent. In Frankreich sind die Schulen trotz hoher Inzidenzen geöffnet.

Dass die Variante im Gegensatz zum Wildtyp des Virus bei Kindern ebenso infektiös wie bei Erwachsenen ist, lassen auch ihre gestiegenen Ansteckungsraten in Israel vermuten. Laut "Jerusalem Post" steckten sich dort im Januar über 50.000 Kinder an, mehr als jemals zuvor in der Pandemie.

Während in der zweiten Welle im Herbst der Anteil an den gesamten Neuinfektionen noch 29 Prozent betrug, machen Kinder und Jugendliche in der nunmehr dritten Welle einen Anteil von rund 40 Prozent aus, sagte Sharon Alroy-Preis, Leiterin des öffentlichen Gesundheitswesens, in der Knesset. Der größte Anstieg sei bei Kindern zwischen sechs und neun Jahren zu sehen. Der "Times of Israel" zufolge plant das Land daher auch, Kinder mit Vorerkrankungen zu impfen, sobald Biontech und Pfizer für ihr Vakzin entsprechende Daten veröffentlicht haben. Dies könne Ende April, Anfang Mai der Fall sein, schreibt die Zeitung.

Bewiesen ist es noch nicht, aber es könnte sein, dass die Pandemie-Weisheit, Kinder steckten sich seltener an, mit Verbreitung der Variante B.1.1.7 nicht mehr zutrifft. Außerdem wächst die Gefahr von Ausbrüchen an Schulen parallel zu den allgemeinen Inzidenzen im Land. Unter diesen Voraussetzungen hat die No-Covid-Initiative ein neues Papier herausgebracht, dass Vorschläge für sichere Schulöffnungen macht.

Teststrategie muss vor Öffnungen stehen

Zu dem Konzept gehören neben den AHA+L-Regeln unter anderem Wechselunterricht, geteilte Gruppen und/oder Räume und kleine Gruppen mit höchstens zwei Lehrern. Besonders wichtig ist für die Forscher eine begleitende Teststrategie. Diese sieht vor, alle Schüler und Lehrer vor Beginn eines Präsenzunterrichts komplett durchzutesten.

Danach soll es zweimal pro Woche Tests für jeden geben, je nach Inzidenz mit Schnelltests (hoch) oder PCR-Pooling (niedrig). Beim Pooling wird nicht jeder Test einzeln im Labor geprüft, sondern mehrere Proben einer identifizierbaren Gruppe gemeinsam ausgewertet. Fällt der Test negativ aus, sind alle negativ. Bei einem positiven Ergebnis geht die gesamte Gruppe für eine Woche in Quarantäne, ohne Zeit und Ressourcen durch weitere Tests zu verschwenden. Schließlich sollen auch bei minimalen Symptomen Tests durchgeführt werden.

Auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält es für unbedingt notwendig, dass eine Teststrategie vor weiteren Schulöffnungen steht. Sonst käme es wegen B.1.1.7 schnell zu Schulausbrüchen mit der Gefahr massiver Unterrichtsausfälle durch Quarantäne, twitterte er heute. Dazu gehören vor allem auch ausreichende Test-Kapazitäten. Ob das die Spahn-Scheuer-Taskforce so schnell hinbekommt?

Quelle: ntv.de

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