Sonntag, 11. Juli 2021

Sorry UEFA, das war Mist! Eine Abrechnung mit dieser Fußball-EM

Schön war's (haha).

(Foto: AP)

In Wembley geht diese Fußball-EM nun zu Ende. Sie geht mit einem großen Finale zu Ende. Mit einer großen Kulisse und mit zwei Mannschaften, die beeindruckt haben. Die UEFA bekommt prächtige Bilder. Es sind Bilder, die für einen falschen letzten Eindruck sorgen werden.

Die Fußball-Europameisterschaft bekommt an diesem Sonntagabend ihr großes Finale. Und es wird spektakuläre Bilder liefern. Womöglich wird es spektakuläre Bilder von Italiens großartigem Abwehrkünstler Giorgio Chiellini geben. Oder aber vom enthemmt dribbelnden Raheem Sterling. Oder aber von ekstatisch schreienden Three Lions, die ihre tiefe Titelsehnsucht nach 55 zehrenden Jahren endlich stillen können. Was es auf jeden Fall geben wird: emotionale Bilder von jubelnden, zitternden und weinenden Fans. Über 60.000 werden erneut in Wembley sein, wenn sich Italien und England um Europas Fußball-Krone duellieren. Es sind Bilder, für die die UEFA hart gekämpft hat. Man kann auch sagen: Es sind Bilder, für die die UEFA die britische Regierung erpresst hat.

Der europäische Fußballverband fand es unter anderem äußerst unangemessen, dass geladene VIP-Gäste sich an die strengen Corona-Maßnahmen nach der Einreise halten müssten. Die UEFA konnte sich diese Empörung leisten, denn sie wäre - hätten sich die Briten verweigert - sowieso nicht ohne einen schönen Ort fürs Finale dagestanden. Denn der gute Freund Viktor Orbán hätte seine Puskás Aréna in Budapest gerne zur Verfügung gestellt. Und dort hätte auch alle Platz gefunden. Denn in Ungarn war es schon während des Turniers so: Alle Mann rein (auch die paramilitärische Gruppe "Carpathian Brigade"), trotz Corona! Nun haben sich die Briten aber nicht geweigert. Sie haben zugestimmt. So wird Wembley wieder einmal der Ort, wo Legenden entstehen. Gerne auch ohne umstrittene Pfiffe und Tore.

Und ganz egal, wer da heute Abend gewinnt, welche Spieler sich zum Helden machen, zu gefeierten oder zu tragischen, dieses Turnier ist schon jetzt auf seine eigene Weise legendär. Aber was hängen bleibt, das hat leider wenig mit Fußball zu tun. Auch wenn es tolle Spiele gab, mitreißende, nervenzerfetzende Duelle, großartige und bittere Geschichten. Die Heldenreise der Dänen etwa, oder das Ende der Ära von Bundestrainer Joachim Löw. Was ganz besonders hängen bleibt, ist das Bild einer UEFA, die sich aus der Verantwortung schleicht, die zweifelhafte Entscheidungen im Sinne ihrer fragwürdigen Freunde trifft, die auf eine wunderliche Weise gesellschaftliche Stimmungen ignoriert und ihre eigene Glaubwürdigkeit zerstört.

Corona, Baku und der Regenbogen

Die Liste der Wunderlichkeiten ist lang. Sie fing bereits weit vor dem Turnier mit der arroganten Sturheit an, den Ausrichterstädten Zuschauergarantien in den Stadien abzuverlangen, zu einem Zeitpunkt als die meisten Länder noch im verzweifelten Kampf gegen die dritte Corona-Welle waren. Zwei Städte (Bilbao und Dublin) lieferten keine Garantien, sie flogen raus. Dass die Inzidenzen vor dem Turnier plötzlich rapide sanken, war längst nicht absehbar. Ist gut gegangen für die UEFA, auch wenn mittlerweile mehrere Länder Ausbrüche melden, die sie auf die EM zurückführen, auf Fans, die von den Spielen zurückgekehrt sind. Dass der Verband natürlich jede Verantwortung von sich weist, man muss es eigentlich nicht erwähnen.

Aleksander Ceferin, als Präsident der UEFA der Turnierchef, machte sich erstaunlich rar. Eine Pressekonferenz vor dem Finale gab's nicht. Er hätte wohl kritische Fragen beantworten müssen. Sein vor der EM verbreiteter Satz "Europa lebt und feiert das Leben" könnte rückblickend arg zynisch wirken. Am Freitag verteidigte er die Linie seines Verbands in einem BBC-Interview. "Den Fußball zu beschuldigen, das Virus zu verbreiten, ist aus meiner Sicht unverantwortlich." Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. In Finnland, in Russland, in Schottland ...

Die Liste der Wunderlichkeiten vor Turnierstart geht noch weiter: Es geht weiter über die Absurdität, die Spiele der Gruppe E in St. Petersburg und Sevilla austragen zu lassen. Beide Städte sind 4500 Kilometer voneinander entfernt. Eine Ohrfeige, ach was, ein Knockout für alle, die den Kampf für das weltweite Klima ernst nehmen. Ebenso wie die Gruppen-Konstellation mit Rom und Baku. Baku, diese Weltsportstadt. Nun ist es nicht nur die UEFA, die ihre Liebe zu der Metropole in Aserbaidschan entdeckt hat. Auch die Formel 1 ist gerne zu Gast und ebenso wurden die Europaspiele in dem je nach politisch-theoretischer Lesart totalitär bis autoritär regierten Land, das die Menschenrechte immer wieder verletzt und missachtet, bereits ausgetragen. Und was ist mit St. Petersburg? Über die aggressive Politik von Wladimir Putin gegen seine Kritiker ist ja auch alles bekannt.

Dann kam das Turnier. Dann kam der Fall Christian Eriksen. Der Kollaps, der die Welt erschütterte, der sowohl die dänische Nationalmannschaft überforderte als auch alle anderen. Dass die UEFA sich da aus der Verantwortung nahm, eine Entscheidung über die Spielfortsetzung den beteiligen Mannschaften überließ (und ein kaum faires Angebot zur Neuansetzung machte), man kann es immer noch nicht begreifen. Natürlich ist so eine EM sehr eng getaktet. Raum für Verlegungen gibt es kaum. Aber was ist das für ein Argument, wenn es um Menschenleben geht? Ein schlechtes? Nein, ein zynisches! Noch zynischer: Die UEFA wurde mit der Fortsetzung des Spiels auch noch belohnt. Durch den Fall Eriksen bekam dieses Spiel sensationelle Einschaltquoten. Gut, dafür kann man die UEFA nicht verantwortlich machen. Das ist eben der den Menschen eigene Voyeurismus.

Es geht eben um Macht, Geld und Annehmlichkeiten

Ebenso unbegreiflich: Das Verhalten in der Regenbogen-Debatte. Ein bunt beleuchtetes Stadion in München beim Vorrundenspiel der deutschen Nationalmannschaft als Zeichen der Solidarität für die LGBTQ-Bewegung, aber auch als Statement gegen Orbans Politik, der kurz zuvor ein Gesetz erlassen hat, das "Werbung" für Homosexualität verhindern soll? Nein, das untersagte die UEFA. Ermittlungen gegen Manuel Neuer wegen seiner bunten Binde? Ja (zum Glück kam die UEFA zum Entschluss, das nicht zu sanktionieren)! Ein kleines Bekenntnis für Diversität, Offenheit, Toleranz und gegen Hass und Ausgrenzung zu bestrafen, herrje, was wäre das für ein Unsinn gewesen.

Politische Botschaften gegen den einflussreichen, von der EU stark kritisierten Partner Ungarn wollte sich die UEFA nicht erlauben. Es dürfe nicht sein, dass die UEFA "in eine politische Auseinandersetzung gezogen wird", begründete Ceferin. "Die UEFA ist eine Organisation, die nach ihren Statuten nicht politisch engagiert sein darf. (...) Wir können nicht gegen Regierungen protestieren." Aber warum eigentlich nicht?

Zwar mögen die Entscheidungen plausibel begründet gewesen sein. Das Verhalten der UEFA zeigt aber auch die Absurdität auf, in der Sportverbände sich als unpolitisch oder zumindest politisch neutral verstehen, gleichzeitig aber mit Großereignissen in Staaten zu Gast sind, die die freiheitlichen Werte der UEFA missachten. Denn darin heißt es auch ziemlich unmissverständlich, es gehöre zu den "vorrangigen Zielsetzungen der UEFA, den Fußball in Europa im Geiste des Friedens, der Verständigung und des Fairplays ohne jegliche Diskriminierung zu fördern". Man muss das alles nicht verstehen. Man muss wohl einfach hinnehmen, dass es um Macht, Geld und Annehmlichkeiten geht. Und das Argumentationen für die verbandseigenen Rechtfertigungen jederzeit in jede Richtung umgebogen werden können.

Die Faszination siegt dann eben doch

Der Fußball ist dabei nur das Mittel der Wahl. Ein probates. Denn auf einen Reflex können sich die Mächtigen ja immer verlassen. Große Fußball-Feste werden gesehen. Gerne gesehen. Selbst wenn die Euphorie vor diesem Turnier zumindest in Deutschland nicht groß war, die TV-Quoten waren gut. Als sich Deutschland früh aus dem Turnier verabschiedet hatte, wurde dann eben mit den tapferen Dänen gelitten und gejubelt. Mit den Italienern gefeiert. Und sich empört, als England im Halbfinale einen Elfmeter zugesprochen bekam, den viele Menschen, darunter auch Schiedsrichter für reichlich übertrieben gehalten hatten.

11.07.2021 Sport Schock, Absturz, Abgang Die außergewöhnlichste Europameisterschaft in Bildern

Der Fußball schreibt seine Geschichten, es sind Geschichten, die seit jeher Menschen faszinieren. Und immer weiter faszinieren werden. Selbst eine Entfremdung zwischen Fans und Nationalmannschaft, selbst das Staunen über ignorante und bisweilen korrupte Verbände auf dieser Welt zerstört diese ewige Faszination bislang nicht. Die UEFA weiß das. Die FIFA auch. Und deswegen kann der Weltverband auch gelassen auf das kommende Jahr blicken, wenn kurz vor Weihnachten die wohl skurrilste WM aller (bisher bekannten) Zeiten im Unrechtsstaats Katar ausgetragen wird. Am Ende siegt nicht die Empörung, sondern das Spiel. Das ist irgendwie schön. Aber auch reichlich bitter.

Viel Spaß beim Finale!

Quelle: ntv.de

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