Middendorp bei ntv

"Deutschland hat keinen Rummenigge mehr"

Stephan-UersfeldInterview: Stephan Uersfeld
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Ernst Middendorp als Trainer des SV Meppen. (Foto: IMAGO/Werner Scholz)
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10.06.2026 | 19:23 Uhr

Trainer-Legende Ernst Middendorp erlebt in Südafrika vor dem WM-Auftakt gegen Mexiko keine Euphorie. Der 67-Jährige erklärt, wieso das logisch ist und auch, was dem DFB zu einem großen Team noch fehlt.

ntv.de: Ernst Middendorp, wie ist die Stimmung in Südafrika vor dem WM-Eröffnungsspiel zwischen Mexiko und Bafana Bafana?

Ernst Middendorp: Wissen Sie: Mit 67 arbeite ich immer noch an mir. Ich war heute im Gym, damit ich nicht nachlasse und fit bleibe. Da habe ich zwei Studenten, die gerade ihren Abschluss machen, gefragt, ob sie irgendeinen Spieler der Nationalmannschaft kennen. Wissen Sie, was die Antwort war?

Nein.

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Die Antwort war: more or less close to zero, mehr oder weniger niemanden. Ich konnte da gar nicht tiefer einsteigen. Es ist hier in Südafrika so: Die Black Population ist sehr auf den Fußball fokussiert. Sie unterstützt das Team. Aber sonst dominieren hier ganz klar Cricket und Rugby. Ein Großteil schaut sich hier vielleicht die Highlights an, nicht einmal mehr die 90 Minuten. Aber von einer WM-Euphorie kann hier in Südafrika nicht die Rede sein.

Spielt da vielleicht, ähnlich wie in Deutschland, auch eine politische Komponente hinein?

Nein. Es geht einfach um die Popularität der Sportart. Rugby, Cricket, Golf, Tennis - und irgendwann kommt Fußball. Nicht in der Gesamtheit natürlich. In der Black Population ist Fußball die Nummer eins. Doch Südafrika ist multikulturell, und da steht Fußball dann nicht an der Spitze.

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Noch herrscht keine Euphorie rund um Bafana Bafana. (Foto: IMAGO/Chris Milosi)

Gibt es in der Popularität also diese klare Trennung zwischen der Black Population und der White Population?

Es ist ein bisschen komplizierter, aber grundsätzlich lässt sich das nicht verneinen. Die ist nach wie vor da. Die Rückkehr auf die internationale Fußball-Bühne 1992, die Amtseinführung Nelson Mandelas 1994, das alles ist jetzt über drei Jahrzehnte her, aber es gibt nach wie vor nicht diese Vereinigung. In ganz wenigen Klubs der Erstligisten hier tauchen Spieler aus der White Population auf, der Rest entstammt der Black Population.

Das ist Ernst Middendorp

Der 67-jährige Ernst Middendorp, geboren im niedersächsischen Freren, ist ein Zugvogel des deutschen Trainerwesens. Er ist Jahrhunderttrainer bei Arminia Bielefeld und seit langer Zeit in Südafrika beheimatet. Zuletzt arbeitete er als Technischer Direktor bei Durban City FC.

Hat die 16-jährige Abwesenheit von der größten Bühne des Sports bei der ausbleibenden Euphorie ebenfalls eine Rolle gespielt?

Wir müssen ehrlicherweise sagen: Im Jahr 2010 hat Südafrika auch nur die Weltmeisterschaftsbühne betreten, weil sie Ausrichter waren. Jetzt haben sie durch den Anstieg der Teilnehmerzahl auf 48 ihre Chance ergriffen, aber es ändert nichts. Anders als in Deutschland gibt es hier kaum ein Publikum, das so involviert ist. In Deutschland wird alles auseinandergenommen, hier wissen wir, dass die Weltmeisterschaft stattfindet. Aber mehr nicht. Irgendwo ist ein Turnier, aber mehr? Nein.

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Kolisi ist eine Ikone in Südafrika. (Foto: IMAGO/Inpho Photography)

Bei einer Cricket-WM wäre das anders?

Nicht nur beim Cricket, auch und besonders beim Rugby. Was ich hier in den letzten Jahren erlebt habe. Die Gewinne der Weltmeisterschaften mit dem Team rund um Kapitän Siya Kolisi haben einen unglaublichen Hype ausgelöst. Das ist durch die Gesellschaft geflogen. Das ist einfach ein ganz anderer Vibe.

Dabei war die Qualifikation für das Turnier doch einigermaßen überraschend. Das Spiel gegen Lesotho wurde nach dem unberechtigten Einsatz eines Spielers gegen Bafana Bafana gewertet. Was zeichnet die Mannschaft von Trainer Hugo Broos aus?

Hugo Broos ist clever, ist smart. Vielleicht auch aufgrund seiner 74 Jahre. Er setzt auf ein Grundgerüst, bestehend aus Spielern der Mamelodi Sundowns. Acht Spieler können sich berechtigte Hoffnungen machen, gegen Mexiko in der Startformation zu sein. Das wird Ronwen Williams im Tor sein, das werden Aubrey Modiba und Khuliso Mudau in der Abwehr sein, das wird Tebogo Mokoena im Mittelfeld sein. Dazu kommen an den Seiten vielleicht noch Spieler der Orlando Pirates. Aber das Grundgerüst, das sind die Sundowns-Spieler.

Eine Mannschaft, die 2025 sogar bei der Klub-WM angetreten ist.

Es ist ein Verein, der in den letzten Jahren mit viel Geld die 40 besten Spieler des Landes geholt hat und 2026 auch zum zweiten Mal die Champions League hier auf dem Kontinent gewonnen hat. In der Startelf können nur elf Spieler stehen, acht sitzen auf der Bank, und dahinter hast du noch eine dritte Kombo, die hier in Südafrika Meister werden kann. Das hat auch damit zu tun, dass die Spieler akzeptieren, mit ihrem hohen Gehalt nicht zu spielen. So ist das nun mal.

Und Broos setzt jetzt bei Bafana Bafana auch auf diese Spieler der Sundowns.

Er hat ihnen über die letzten Jahre vertraut und dazu hast du vorne Lyle Foster, der in England bei Burnley spielt, und einige Spieler der Pirates, die immerhin Meister geworden sind. Es ist eine eingespielte, homogene Einheit, die sich nicht finden muss. So kann sie vielleicht das Eröffnungsspiel gut managen.

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Blick auf das Aztekenstadion (Estadio Banorte) in Mexiko-Stadt (Ciudad de Mexico, Mexico City), aufgenommen am 20. Mai 2026. (Foto: © Google Earth, Image © 2026 Airbus)

Ein Spiel, auf das die Welt blicken wird und das im legendären Aztekenstadion auf über 2000 Meter Höhe ausgetragen wird.

Das ist der Hauptaspekt jetzt. Sie müssen sich an die klimatischen Bedingungen gewöhnen. Johannesburg liegt auch auf 1700 Meter Höhe, aber Mexiko-Stadt noch einmal höher. Nicht hilfreich war da sicher die um zwei Tage verspätete Anreise. Da hat sich der "gut organisierte" Verband hier mal wieder desolat gezeigt. Das ist nicht ungewöhnlich.

Was ist passiert?

Die Abreise sollte am Sonntag, dem 31. Mai, sein, dann aber stellte sich heraus, dass einige Spieler und Staff-Mitglieder, unter ihnen der Co-Trainer, keine Visa für die Einreise hatten. Mithilfe des Sportministers Gayton McKenzie und der amerikanischen Botschaft hatten sie dann schnell alles beisammen. Was die Gründe für die fehlenden Visa waren, weiß ich nicht, aber es hat die Abreise verzögert.

Trainer Hugo Broos hat 1986 im ersten WM-Spiel Belgiens beim Turnier in Mexiko ebenfalls im Aztekenstadion gegen den Gastgeber gespielt. Hat er von seinen Erfahrungen berichtet?

Er hat ganz deutlich erzählt, wie das als Spieler war und was das für die Akteure bedeutet. Da gibt es keinen Unterschied zwischen 1986 und 2026. Deswegen war für ihn die frühe Anreise so wichtig, um sich den klimatischen Bedingungen anzupassen. Dafür braucht es vier, fünf Tage. Er ist zuversichtlich, dass die Akklimatisierung trotz der Verspätung geglückt ist.

Was wäre ein Erfolg für Bafana Bafana bei dieser WM? Neben Mexiko spielen noch die Tschechen und Südkorea in der Gruppe.

Broos ist erfahren genug, dass er weiß, dass sogar ein dritter Platz die K.o.-Runde bedeuten könnte. Das wäre ein Erfolg. Mexiko wird den Heimvorteil nutzen, Südkorea mit Heung-min Son und Min-jae Kim schätze ich stark ein. Die sind gut in Schuss. Tschechien ist für mich die große Unbekannte. Für Südafrika ist es wichtig, die Spiele pragmatisch anzugehen und über den dritten Platz in die nächste Runde zu kommen. Die Qualifikation für die WM allein ist für alle, die im südafrikanischen Fußball involviert sind, bereits ein großer Erfolg. Nicht mehr nur Zuschauer aus der Ferne, sondern bei so einem Event dabei zu sein. Ich gehe davon aus, dass der Einzug in die nächste Runde gelingt.

Schafft das deutsche Team auch den Sprung in die nächste Runde?

Es war ja vollkommen unnötig, die Torwartdiskussion aufzumachen. Aber das, was wirklich das Handicap beim deutschen Team ist: Ich sehe keinen Lothar Matthäus, keinen Karl-Heinz Rummenigge oder keinen Günter Netzer. Ich sehe diese zentrale Figur nicht.

Joshua Kimmich?

Der nimmt das für sich vielleicht in Anspruch, aber ihm fehlt, meine ich, die Reputation. Er ist ein außerordentlicher Spieler, aber ich zweifle ein wenig daran, dass er die dominante Figur ist.

Ihnen fehlt es an Autorität?

Genau. Eine Autorität fehlt mir in der Mannschaft. Es sind alles hochtalentierte Spieler beim DFB. Ein wenig erinnert mich das an 2010 hier in Südafrika und wie sie hier aufgetreten sind, um später dann richtig zu explodieren. Kai Havertz, Jamal Musiala - das sind exzellente Spieler. Aber wir wissen nie, was wir bekommen. Sie können überragend auftreten und in anderen Momenten dann wieder desolat. Ich hoffe trotzdem, dass wir das Viertelfinale oder mehr erreichen.

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Wer ist Ihr Favorit?

Ich halte es da mit dem General, mit Carlo Ancelotti, dem Nationaltrainer Brasiliens. Er sieht keinen klaren Favoriten. Brasilien? Spanien? Frankreich? England? Oder vielleicht eine andere Nation. Senegal wird in den letzten Tagen extrem protegiert. Vielleicht ist das Fehlen eines Favoriten die Chance für Deutschland, im Turnier weit zu kommen.

Jetzt aber erst mal das Eröffnungsspiel, Herr Middendorp. In Mexiko-Stadt wird rund um das Stadion großes Chaos erwartet.

Fußball ist ein chaotisches Spiel, das muss man so deutlich sagen. Es wird dadurch getragen, dass die involvierten Leute Lösungen finden, und dann schaut es recht organisiert aus. Vielleicht gelingt den Organisatoren genau das Gleiche.

Mit Ernst Middendorp sprach Stephan Uersfeld

Verwendete Quelle: ntv.de