Die deutschen Nationalspieler Antonio Rüdiger, Deniz Undav, Malick Thiaw, Jonathan Tah und Nadiem Amiri spielen "Eckchen". Wer den Ball verliert, steht in der Mitte. Es wird geflachst, trainiert, diskutiert. Mehr braucht es im Jahr 2026 offenbar nicht, um eine alte Debatte wieder aufzumachen: Wer gehört eigentlich dazu? Man hört das arabische Wort "Wallah" und Amiri sagt am Ende etwas vermutlich etwas auf Dari. RTL- und ntv-Reporter Jonas Gerdes postet den Clip auf Instagram. Die Reaktionen darunter erzählen allerdings eine ganz andere Geschichte.
Von gut gemeinter Intention zu Alltagsrassismus
"Wo sind die Deutschen?". "Ist das die Deutsche Nationalmannschaft?". "Darf ich vorstellen unsere deutsche Nationalmannschaft: Valla Bruder, ja man, ja Bruder, Valla." "Sind das Deutsche???? Oder Franzosen? Hä.. Was ist da los.."
Es sind Kommentare wie diese, die mich fassungslos machen. Und vielleicht auch deshalb, weil ich beim ersten Ansehen des Videos wirklich nicht auf die Idee gekommen wäre, darin irgendetwas anderes als einen völlig normalen Trainingsmoment zu sehen. Genau das macht die Reaktionen so irritierend.
Noch einmal: Zu sehen sind keine politischen Statements. Keine Nationalhymne. Keine Debatte über Migration. Fünf Fußballer spielen Eckchen. Mehr nicht. Und trotzdem reicht genau das offenbar aus, um wieder die immer gleichen Fragen nach "Deutschsein" loszutreten. Auch Jonas Gerdes kann nicht nachvollziehen, wie es zu solchen Reaktionen gekommen ist. "Deswegen hat mich das erst recht verwundert, dass am Ende sowas aus einem lustig gemeinten Video entstanden ist", sagt er. Er wollte eigentlich mit dem Clip zeigen, dass manchmal nur wenige Unterschiede zwischen den großen Fußballstars und Hobbyfußballern bestehen. "Ich kenne diese Spielchen ja selbst auch. Ich habe damals in der Bezirksliga gekickt und da haben wir auch immer wild diskutiert, weil niemand in die Mitte wollte und das meistens mit Schnick Schnack Schnuck gelöst", erzählt Gerdes.
Ehrlich gesagt ging es mir ähnlich wie Jonas Gerdes. Als ich das Video gesehen habe, dachte ich an Fußballplätze, auf denen ich selbst gestanden habe. An Diskussionen darüber, wer in die Mitte muss. An kleine Sticheleien unter Mitspielern. Nicht an eine Debatte über Herkunft oder Nationalität.
Das Video dauert 26 Sekunden und hat nach 24 Stunden knapp 450.000 Aufrufe. Und schon nach wenigen Stunden drehen sich die Kommentare nicht mehr um Fußball. Nicht um Technik, Taktik oder die Chancen der Nationalmannschaft. Nicht um die Nahbarkeit, die der Clip eigentlich zeigen soll. Stattdessen wird über Hautfarbe diskutiert, über Herkunft und darüber, wer in Deutschland angeblich als "wirklich deutsch" gelten darf. Unter einem 26-sekündigen Video von Fußballern, die Eckchen spielen. Und genau das wirkt fast schon absurd.
Reichweite durch Empörung
Und dann passiert natürlich genau das, was auf Plattformen wie Instagram fast immer passiert: Der Ärger produziert Aufmerksamkeit. Die Aufmerksamkeit produziert Reichweite. Die Reichweite produziert neue Kommentare. Und die neuen Kommentare produzieren noch mehr Reichweite.
Für Reporter Gerdes ist daraus, wie er selbst beschreibt, ein merkwürdiges Dilemma entstanden. Er gewinnt neue Follower, doch wer folgt ihm da eigentlich? Menschen, die sich für seine journalistische Arbeit interessieren? Oder Nutzer, die nun weitere Gelegenheiten erwarten, ihren Rassismus unter seinen Beiträgen auszuleben? Was macht man mit einer Aufmerksamkeit, die man nie gesucht hat? Kommentare löschen? Nutzer melden? Schweigen, um dem Ganzen nicht noch mehr Raum zu geben? Eine Antwort darauf gibt es heute nicht.
Und sind wir mal ehrlich: Das Ganze zu löschen, macht das Problem nicht ungeschehen. Darauf zu reagieren, wirft es wieder hoch, macht allerdings auch auf das Problem aufmerksam. Es ist ein nicht endender Teufelskreis. Ich frage mich ehrlich gesagt selbst, wie ich in dieser Situation reagieren würde. Löschen? Ignorieren? Kommentieren? Jede dieser Optionen wirkt unbefriedigend. Und dass man diese Optionen überhaupt durchgehen muss, Wahnsinn.
Rudi Völlers düstere Vorahnung

Rassismus im Jahr 2026: Ernsthaft?!
Wer unter einem harmlosen Trainingsvideo darüber diskutiert, ob Nationalspieler mit unterschiedlichen familiären Wurzeln "wirklich deutsch" seien, verrät vor allem eines: Für einen Teil der Öffentlichkeit ist die Frage der Zugehörigkeit noch immer verhandelbar. Dass selbst die deutsche Fußballnationalmannschaft im Jahr 2026 noch Anlass für solche Debatten bietet, sollte uns mehr beschäftigen als jede Diskussion über Aufstellung oder Spielsystem. Ich hätte erwartet, dass wir bei einem Trainingsvideo der Nationalmannschaft über Fußball sprechen. Offenbar war das eine naive Erwartung.




