Mega-Ablöse für Mourinho

Die letzte Hoffnung des Chaos-Klubs Real Madrid

imageVon Tobias Nordmann
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Jose Mourinho kehrt bald an alte Wirkungsstätte zurück. (Foto: IMAGO/Pro Sports Images)
10.06.2026 | 06:22 Uhr
Real Madrid zerlegt sich. Sportlich läuft's nicht, es knallt im Kader. Mit Xabi Alonso wird ein Supertrainer gefressen, auch sein Nachfolger hat keine Zukunft. Und der Klubboss dreht völlig durch. Nun soll ein alter Bekannter alle Wunden heilen. Kann er das noch?

In Madrid erinnern sie sich in diesen Tagen an la sabiduría del abuelo. An Opas fragwürdige Weisheit, früher sei alles besser gewesen. Es ist ein Sehnsuchtsgefühl, das weit über die Hauptstadt hinausstrahlt. In einer Welt, die von Turbulenzen dauerhaft erschüttert wird, suchen die Menschen Anker der Stabilität. In Madrid, beim Fußball-Großklub Real, haben sie diesen in Lissabon gefunden und nach einem wochenlangen Gezeter heimgeholt. Der eskalierende Chaos-Gigant legt sein Tafelsilber wieder in die Hände des extrovertierten José Mourinho.

Vom Verein selbst ist die mittlerweile nur noch wenig überraschende Personalie noch nicht bestätigt, aber Benfica verkündete bereits, dass Real 15 Millionen Euro Ablöse für den 63-Jährigen zahlt. Mourinho habe dem Wechsel laut der Benfica-Mitteilung zugestimmt. Zudem hatte sich Real am Dienstag von Coach Álvaro Arbeloa getrennt und damit den Weg für eine Rückkehr Mourinhos endgültig frei gemacht.

Der Portugiese, einst Startrainer, weckt bei den Königlichen, zumindest bei den großen Meistern um den seit Wochen tobenden Ober-Boss Florentino Perez, noch immer heiße Gefühle. Mourinho steht für eine glorreiche Zeit, für Titel, für einen Fußball, wie Real ihn braucht. Mourinho steht für Cristiano Ronaldo, Karim Benzema, Kaka, Mesut Özil und Luka Modric. Was ein bisschen verklärt wird: So viele Titel, wie man sich zu erinnern meint, waren es in der Ära Mourinhos von 2010 bis 2013 gar nicht. Einmal wurde der "Special One" mit Real Meister, einmal gewann er den Pokal und einmal den Superpokal, niemals die Champions League.

Und trotzdem: Er soll es nun richten, er soll das entgleiste Real wieder auf die Schiene stellen. Der Verein ist im Frühsommer 2026 ein riesiger Haufen Mist. Die Mannschaft ist keine Mannschaft mehr. Superstar Kylian Mbappé bringt die Fans mit seinem Verhalten, unter anderem Urlaub trotz Verletzung, so sehr gegen sich auf, dass eine Petition läuft, den Franzosen vom zu Hof jagen. Da ist auch noch Vinicius Junior, der immer wieder heftig provoziert und beim eigenen Anhang ebenfalls jeden Kredit verspielt hat. Unter anderem, weil er als der Treiber hinter der Entlassung von Supertrainer Xabi Alonso gilt. Zwischen den beiden soll es tüchtig geknallt haben.

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Bei Real fliegen die Fetzen

Ebenso wie zwischen Vize-Kapitän Federico Valverde und Aurelien Tchouameni. Der Streit schlug gigantische Wellen, weil Valverde danach ins Krankenhaus musste. Wegen eines Schädel-Hirn-Traumas. Auch wenn alle Seiten den Konflikt hernach runterspielten, der Vorfall war in der Welt und die Tragweite des Konflikts nicht mehr zu deeskalieren. Nicht von den Protagonisten, nicht von Alvaro Arbeloa, dem Vorgänger von Mourinho. Er folgte auf Xabi Alonso. Und ist nun bereits wieder Geschichte. Auch er schaffte es nicht, das Chaos zu ordnen. Mbappé warf ihm zuletzt sogar vor, ihn zu Stürmer Nummer vier degradiert zu haben. Er "ziehe in den Krieg", urteilten die spanischen Medien. Und knöpften sich danach direkt den Präsidenten vor. In 64 bizarren Minuten voller Attacken und Tiraden gegen die "Feinde von Real Madrid" hatte Pérez das ganze Chaos bei den Königlichen offengelegt - und den größten Fußballklub der Welt in seinen Grundfesten erschüttert.

"Sie werden mich schon erschießen müssen, um mich hier rauszukriegen", polterte er vergangenen Dienstag, als er inmitten der größten sportlichen Krise seit Jahren völlig überraschend Neuwahlen ausrief, die er dann auch nach einem absurden Wahlkampf gewann. Die Zeitung "El País" schrieb zu der Wut-Tirade, Pérez habe "einen Striptease seiner Arroganz, seines Größenwahns und seines Machismo" aufgeführt, "El Mundo" befand, der Patron habe in Donald-Trump-Manier "seine Maske fallenlassen". Pérez sprach in seiner Rede von einer "Schmutzkampagne" gegen seine Person und Real, von einer "Verschwörung" der Medien.

Die heilende Pflanze Mourinho?

Mittenrein in dieses Chaos pflanzt Real Madrid nun Mourinho. Einen Mann, der die Provokation besser beherrscht als die Diplomatie. Der für das Extrovertierte steht, nicht für Binnen-Kitt nach innen. Noch immer genießt er den Ruf eines Spitzentrainers, in Lissabon hat er zumindest daran gearbeitet, sein ramponiertes Image wieder in ein besseres Licht zu stellen. Ungeschlagen ging er mit Benfica durch die Liga-Saison, Meister wurde aber nicht. Weil mit dem Lokalrivalen Sporting (Zweiter) und dem FC Porto zwei Vereine noch besser waren.

Sportlich ist ihm immer noch zuzutrauen, die Mannschaft wieder ans Laufen zu bekommen. Mourinho steht für Mentalität, etwas, das dem Starensemble in dieser Saison allzu häufig abging. Nur in ausgewählten großen Spielen, wie im Champions-League-Viertelfinale gegen den FC Bayern, spielte Real am Limit. Ob Mourinho aber menschlich in der Lage ist, die divenhaften Fußballer hinter sich zu vereinen? Sowie es Maestro Carlo Ancelotti getan hatte, der Erfolgstrainer der vergangenen Jahre? Er diktierte den Stars nicht den Fußball, er hielt sie bei Laune. So wie einst auch Zinedine Zidane, ebenfalls ein erfolgreich arbeitender Coach in der Hauptstadt. So funktioniert Real Madrid. Mourinho hat es selbst erlebt. Aber Ancelotti hatte eine andere Mannschaft. Er betreute jahrelang zusammengewachsene Superstars, die eine natürlich Hierarchie um Kroos und Co. fanden.

Bei Vincicus Junior dürfte die menschliche Versöhnung keine ganz einfache Nummer werden. Nach dem CL-Duell zwischen Benfica und Real spielte er einen rassistischen Vorfall massiv runter, stellte sogar infrage, ob es wirklich so gewesen sei, wie Vini sagte. Bayern-Coach Vincent Kompany holte aus der Ferne zu einem beeindruckenden Monolog aus und rüffelte die Ignoranz des Portugiesen.

Wütende Abrechnung mit Fenerbahce

Der hatte in den vergangenen Jahren ohnehin sportlich weniger geglänzt als vor allem provoziert. Seine Zeit bei Fenerbahçe endete mit einer wütenden Abrechnung. Als er bei Benfica unterschrieb, warf er seinem Ex-Arbeitgeber verbitterte Grüße zu: "Ich habe einen Fehler gemacht, als ich zu Fenerbahçe gegangen bin. Das war nicht mein Niveau, weder fußballerisch noch kulturell." Das Niveau hatte Mourinho indes selbst längst verloren. Er sah keine Fehler. Wenn etwas nicht lief, witterte er eine Verschwörung, bellte "Affen"-Beleidigungen umher und kniff nach einem hitzigen Istanbul-Derby gegen Galatasaray seinem Gegenüber in die Nase.

Mourinho war schon lange nicht mehr "The Special One". "Galas" gekniffener Trainer Okan Buruk nannte ihn "The Crying One": "Er weint auf dem Spielfeld. Er weint draußen. Und als ob das noch nicht genug wäre, geht er auch noch in die Schiedsrichter-Kabine und weint auch dort. Lasst ihn weiter weinen …" Mourinho war immer weniger der hochbegabte Fußballlehrer von einst. Sondern vor allem der Provokateur, "der begnadetste Populist des Weltfußballs", wie der "Spiegel" ihn nannte.

Taktisch hat der erfolgreichste Trainer der 2000er-Jahre längst den Anschluss an alte Rivalen wie Pep Guardiola und neue Supertrainer wie Hansi Flick oder Luis Enrique verloren. Der stets am Rand zur Arroganz wandelnde Zenturio Mourinho spielt vor allem mit den Emotionen, als Trainer ließ er destruktiven Zerstörungsfußball spielen: Das ist das Muster der vergangenen Jahre. Ein Europa-League-Sieg mit Krisen-Klub Manchester United (2017), der Conference-League-Erfolg mit AS Rom (2022). Und immerhin eine ungeschlagene Liga-Saison mit Lissabon. Mehr war nicht beim "Special One". Nun geht's zurück nach Madrid. Ins Chaos. Mit der Hoffnung: la sabiduría del abuelo.

Verwendete Quelle: ntv.de