Wirklich für die Spieler?

Hitzige Diskussion um Trinkpausen spaltet die WM

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16.06.2026 | 11:09 Uhr
Spiele im Vier-Viertel-Takt werden bei der Fußball-Weltmeisterschaft zur Normalität. Die Trinkpausen unterbrechen jede Partie - auch im klimatisierten Stadion. Sie lassen durch Werbung die Kasse klingeln, aber haben auch Einfluss auf den Spielverlauf.

Julian Nagelsmann und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft sind Fan der neuen Regel für die Weltmeisterschaft in Kanada, Mexiko und den USA. Denn ganz strikt gilt nicht mehr: "Ein Spiel besteht aus zwei Halbzeiten von je 45 Minuten", wie es in den Fußball-Regeln des DFB vermerkt ist. Stattdessen werden aus den zwei Halbzeiten vier Viertel - die eingeführten Trinkpausen gebieten Einhalt. Und ohne die Pause in der ersten Halbzeit des WM-Auftaktspiels gegen Curacao hätte es womöglich viel länger 1:1 gestanden.

Doch nutzte Nagelsmann nach 22 Minuten die Spielunterbrechung von drei Minuten, um sein Team neu zu ordnen. Mit Erfolg, denn bis zur Pause hatte die DFB-Elf auf 3:1 gestellt. "Da war die Trinkpause tatsächlich gut, um einfach Dinge auf der Tafel zu zeigen", berichtete der DFB-Coach nach dem 7:1-Auftaktsieg.

Entstanden ist das Modell aus Sorge um die Belastung der Spieler. Wissenschaftler hatten bei Temperaturen über 28 Grad Kühlpausen von mindestens sechs Minuten gefordert. Durch die Pausen sollen potenzielle Risiken wie Dehydrierung oder Kreislaufprobleme vermieden werden.

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"Wie auf einem anderen Planeten"

Während der Weltmeisterschaft sollen teils Temperaturen von weit mehr als 30 Grad Celsius herrschen, hinzu kommt hohe Luftfeuchtigkeit. Auch in Houston/Texas, wo die DFB-Elf spielte, ist es heiß. Aber: "Es ist völlig absurd. Es sind draußen 30 Grad und 80 Prozent Luftfeuchtigkeit und du kommst in dieses Stadion und es sind 22 Grad und die Luft ist trocken. Es ist wie auf einem anderen Planeten", berichtet ntv.de-Reporter Sebastian Schneider im Podcast ntv Sport. Denn das Stadion in Houston ist überdacht und komplett geschlossen, es kommen weder Sonne noch Regen hinein. Eine Trinkpause, um die Spieler zu schützen, ist da völlig unnötig.

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Doch sie wird trotz unterschiedlicher klimatischer Bedingungen überall durchgeführt. So sollen gleiche Bedingungen für alle Teams gewährleistet werden. Niederlande-Kapitän Virgil van Dijk kann das nicht nachvollziehen: "Man sollte jedes Spiel unterschiedlich betrachten." ARD-Experte Bastian Schweinsteiger bezeichnete die Regelung ebenfalls als "fragwürdig". US-Coach Mauricio Pochettino würde Trinkpausen nur zulassen, "wenn die Bedingungen extrem sind".

Als besonders herausfordernde Standorte gelten aufgrund der hohen Temperaturen und teils extremen Luftfeuchtigkeit etwa Miami und Monterrey. "Für mich geht die Gesundheit der Spieler immer vor. Hitze ist ein gutes Entscheidungskriterium", sagte Spaniens Trainer Luis de la Fuente. Auch DFB-Kicker Kai Havertz sieht Vorteile: "In manchen Stadien wird es schon sehr heiß. Deswegen finde ich eine Trinkpause ganz gut."

Viel Werbung, viel Verdienst

Doch so, wie sie allgemeingültig ist, wird die Pause nach Meinung vieler zweckentfremdet - und nur aus Werbezwecken genutzt. ntv.de-Reporter Schneider berichtete aus dem Stadion: "Die Hydration Break wird mit lauter Musik und Werbebanner angezeigt." Im TV geht es dann heiß her in diesen drei Minuten - die Kasse klingelt.

Der Vorwurf der Kritiker: reine Geldmacherei. Fox verpasste im Eröffnungsspiel sogar den Wiederanpfiff nach einem Werbeblock. Auch MagentaTV hat alle Werbeplätze in den Unterbrechungen vermarktet, wie Telekom-TV-Chef Arnim Butzen dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte. Vergeben sind demnach alle 208 Werbeplätze in der Länge von bis zu 80 Sekunden während der Pausen.

Das britische TV-Netzwerk ITV erwartet die kommerziell erfolgreichste Fußballübertragung seiner Geschichte. Die Werbeeinnahmen sind laut Kelly Williams, Geschäftsführerin für den Bereich Werbung, 30 Prozent höher als bei der EM 2024. In Australien haben die Trinkpausen einen eigenen Sponsor und werden als "Maccas Match Break" bezeichnet, finanziert von McDonald's.

Taktisches Mittel für Trainer

Die Trinkpausen wirken sich mitunter negativ auf die Atmosphäre im Stadion aus. So stimmten die schottischen Fans gerade ihre inoffizielle WM-Hymne "No Scotland, No Party" an, als der Schiedsrichter das Spiel unterbrach und die Dynamik auf den Rängen abrupt stoppte. Viele Zuschauer nutzten die Pause für einen Gang zum Getränkestand oder zur Toilette. Beim Wiederanpfiff war die mitreißende Stimmung vorerst verflogen und viele Plätze noch leer. Erst nach und nach trudelten die Fans wieder ein - ähnlich wie nach einer Halbzeitpause.

Für Trainer und Team findet sich durch die Viertel-Pause aber ein neues taktisches Mittel, wie von Nagelsmann beschrieben. "Ich glaube, es kann gut sein, dass du etwas umstellen kannst, wenn der Trainer das durch Reinrufen nicht erreichen kann", befand etwa DFB-Stürmer Deniz Undav. Auch ntv-Reporter Sebastian Schneider berichtete aus dem Stadion, dass es extrem laut war. Musik und Fans machten es Nagelsmann unmöglich, alle Spieler auf dem Platz zu erreichen. Durch die Pause konnten alle Spieler zusammenkommen und sich abstimmen.

Ist es Zufall, dass etwa Brasilien, Australien, Deutschland oder Schottland kurz nach der Trinkpause ein Tor erzielten? "Für mich ist es mehr ein Coachingbreak als eine Trinkpause. Deshalb ist es für mich sehr wichtig", bewertete Belgiens Trainer Rudi Garcia die WM-Neuerung und war damit derselben Meinung wie Ralf Rangnick: "Weil wir die Möglichkeit haben, ein paar Dinge anzusprechen und zu korrigieren. Sonst kannst du sie ja von außen kaum erreichen", sagte der österreichische Nationaltrainer.

Welchen Einfluss Trinkpausen auf den Spielverlauf haben können, zeigte das Duell zwischen Südkorea und Tschechien. Die Tschechen dominierten zunächst die Partie, verloren nach der Unterbrechung jedoch ihren Schwung und am Ende 1:2.

Verwendete Quellen: ntv.de, ara/dpa