"Nicht die Könige der Welt"

Von Jesus zu Büßer: Der Verfall des Gianni Infantino

Stephan-UersfeldVon Stephan Uersfeld, Mexiko-Stadt
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Gianni Infantino präsentierte sich vor dem Start der WM für seine Verhältnisse geradezu demütig. (Foto: REUTERS)
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10.06.2026 | 23:04 Uhr
Am Vorabend der WM 2026 stellt sich FIFA-Präsident Gianni Infantino erstmals seit 2023 den Fragen der Weltmedien. Die Lage ist kompliziert, die Weltpolitik hat dem Alleinherrscher des Fußballs die Kontrolle über das Weltturnier entrissen. Infantino gesteht seine Machtlosigkeit.

Irgendwann inmitten eines 30-minütigen Monologs im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt gestand Gianni Infantino: "Wir sind nicht die Könige der Welt." Dabei hatte sich die FIFA lange Zeit so inszeniert. Jetzt, am Vorabend der Fußball-WM, erlebte die Welt einen nahezu demütigen FIFA-Präsidenten. "Was das Weltgeschehen anbelangt, bin ich nur ein Zuschauer", sagte er. Dieses Weltgeschehen war dem, der sich stets mit den Mächtigsten der Welt inszeniert, in den vergangenen Monaten gehörig um die Ohren geflogen. Drei Themen hatte er im Vorfeld identifiziert: "Iran, Tickets und Visa!" Dabei wolle er doch viel lieber über den Fußball sprechen, das legendäre Stadion vor seinen Augen. Dort habe sich Fußballgeschichte zugetragen. Doch nach Fußballgeschichte steht dieser Tage wenigen der Sinn.

Es galt zu retten, was zu retten war. So richtig wollte es ihm nicht gelingen. Es war ein nervöser Auftritt, ganz anders als noch 2022 in Katar, als sich Infantino als Jesus inszeniert hatte. "Ich bereue nichts", sagte Infantino, auf die Wahl der USA als Co-Gastgeber angesprochen. Er sah dabei anders aus. Dem US-Präsidenten Donald Trump dankte er für dessen "Engagement" und seine "Beteiligung" rund um die Vorbereitung der WM. "Ohne ihn wäre es nicht möglich gewesen", sagte Infantino. Den wenigen kritischen Fragen im Anschluss an die halbstündige Rede auf seiner Pressekonferenz vor dem Auftakt der WM 2026 wich er aus - auch, weil er darauf keine Antworten hatte. Nur eine Empfehlung.

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"Wem sonst wäre das gelungen?" Infantino lobt sich

"Chill and relax", einfach mal chillen eben, empfahl Infantino angesichts der aus dem Ruder laufenden Situation. Die FIFA habe weiter alles unter Kontrolle, sie gehe die Probleme an und könne viele davon lösen. Dass der Iran an der WM teilnehme, sei einzig und allein sein Verdienst und der seines Teams, behauptete er. "Wem sonst wäre das gelungen?" Dafür habe er alles getan und doch nur ein Versprechen eingehalten.

"Notfalls hätte ich sie mit dem Bus aus Teheran hierhin gefahren. Das habe ich ihnen versprochen." Angesichts der weiterhin angespannten Situation rund um das iranische Team eine gewagte Aussage. Die Spieler des sich im Krieg mit Co-Gastgeber USA befindlichen Landes dürfen nach aktuellem Stand nur zu ihren Spielen in die USA einreisen: am Vortag der jeweiligen Partie. Tags darauf müssen sie wieder in ihr hastig bezogenes Ausweichquartier in Tijuana, Mexiko, zurückkehren. Ursprünglich waren sie in Arizona beheimatet. Ob sie tatsächlich ohne Probleme einreisen werden, steht dabei noch in den Sternen.

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Auch die jüngsten Ereignisse um den somalischen Schiedsrichter Omar Artan versprechen Unheil. Dem Topschiedsrichter hatten US-amerikanischen Grenzbeamte die Einreise verweigert. "Das ist keine angenehme Situation für uns. Wir können nicht alles kontrollieren", sagte Infantino. Die FIFA müsse akzeptieren, dass sie eben nicht über den Regierungen dieser Welt steht. Und diese hätten in einer "aggressiven Welt" berechtigte Sicherheitsinteressen. Das sei überall auf der Welt so, auch in Europa, auch in Großbritannien oder Deutschland.

Das "größte Event in der Geschichte der Menschheit"

Immer wieder verwies Infantino auf das Engagement der FIFA in den abgelegenen Regionen der Welt, auf die Freude, die das Spiel den Menschen biete und die dank der FIFA auch ohne Pay-TV die Haushalte in den abgelegensten Winkeln der Welt erhellen könne. "Wenn wir unsere Rechte wie jeder andere an Pay-TV verkaufen würden, so wie es jeder machen würde, würden wir viermal so viel Umsatz machen. Wir müssen die Balance halten", sagte er und erzählte, wie die FIFA - und sonst niemand - in Länder wie Bhutan oder den Südsudan investiere. Was Infantino nicht sagte: Auch die FIFA hat sich längst an einen Pay-TV-Anbieter verkauft. Im vergangenen Jahr ging sie einen Milliardendeal mit DAZN ein. Kurz darauf ging der Streaminganbieter einen Deal mit einem saudi-arabischen Investmentfonds ein. Was stimmt: Die Spiele der Klub-WM, die diesen Deal betraf, liefen dort vor der Paywall.

Alles hänge mit allem zusammen: die kritisierten Eintrittspreise, der aus dem Ruder gelaufene Zweitmarkt der FIFA - alles. "Wir haben über sechs Millionen Tickets verkauft. Die Nachfrage war unglaublich." Es sei eben das "größte Event in der Geschichte der Menschheit" mit seinen 48 Teilnehmerländern, seinen 16 Stadien und seinen drei Gastgeberländern. "Der Markt ist nun einmal so, wie er ist." Dann verwies Infantino auf die 130.000 Tickets, die die FIFA für nur 60 Dollar an den Mann gebracht habe. Günstigere Tickets biete keine große Sportveranstaltung in den USA an. Der Zweitmarkt sei in den USA eben legal.

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Der FIFA-Jesus hat abgedankt

Draußen vor einer der Kathedralen des Fußballs in Mexiko-Stadt drehten am Tag vor dem Eröffnungsspiel der XXL-WM in Kanada, den USA und Mexiko die letzten Bagger ihre Runden, wurden Parolen gegen die FIFA an die Wand geschmiert und Blumeninseln dekoriert. Im Medienzentrum des zweimaligen WM-Finalstadions kündigte sich unterdessen Spektakuläres an: FIFA-Präsident Infantinos erste wirkliche Pressekonferenz seit 2023, als er auf dem 73. FIFA-Kongress im ruandischen Kigali ein letztes Mal vor der Presse auftauchte. Danach scheute er die Fragen der Journalisten, tauchte einmal bei der Klub-WM vor handverlesenen Reportern auf - das war's. Er verschwand wieder in seinem Social-Media-Tunnel, aus dem er nahezu täglich Grüße sendete und über seine neuesten Erfolge in Sachen Weltfrieden durch Fußball berichtete. Dem Trommelfeuer der Medien stellte er sich nicht.

Dementsprechend aufgeregt war die Stimmung im Medienzentrum. Sogar die deutschen WM-Experten Jürgen Klopp und Thomas Müller hatten sich unter die Anwesenden gemischt. Sie alle warteten auf Infantino und das, was er sagen würde. Immer lauter war in den letzten Tagen die Kritik an der FIFA und Infantino geworden. Die Fragen waren viele, und sie waren drängend: der somalische Schiedsrichter, die Eintrittspreise, die Situation rund um das Team des Iran, die Geiselnahme des Turniers durch den FIFA-Friedenspreisträger Donald Trump. Um 12.33 Uhr Ortszeit erschien Infantino mit seiner Entourage. Würde es Antworten geben? Würde er sich wie einst in Katar zum modernen Jesus küren, oder was hatte er sich diesmal ausgedacht? Am Ende war er ein Büßer. Einer, der mit seiner Organisation doch nur die Menschen glücklich machen will. Sie sollen mit ihren Familien die Emotionen spüren, die sie einst als Kinder gespürt haben.

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Auch Jürgen Klopp, Thomas Müller und Robert Andrich schauten sich die Show des FIFA-Bosses an. (Foto: IMAGO/Matthias Koch)

Gianni Infantino liebt doch alle und steht vor so vielen Problemen, die ihm die Welt aufhalst. Manche könne er lösen, manche nicht, sagte er neben dem WM-Pokal sitzend. "Wir wollen die Welt vereinen. Wenn Sie mich kritisieren wollen, kritisieren Sie mich", sagte Infantino. Die Kritik wird auch nach diesem Auftritt nicht abreißen. "Wir stehen Herausforderungen gegenüber, die wir lösen müssen", wiederholte er mantraartig. Nicht alle könne man lösen. So sei die Welt im 21. Jahrhundert. Das Angebot von Infantino lautet: einschalten, chillen und vergessen. Ein irrwitziges Angebot. Es ist ein Angebot, das der von der Weltpolitik überladene Fußball kaum einlösen kann. Der FIFA-Jesus hat abgedankt. Er kann keinen Frieden bringen. Das ist das Vermächtnis dieser Pressekonferenz.

Verwendete Quelle: ntv.de