Nouripour im Interview

FIFA-Umgang mit Iran "nimmt bizarre Züge an"

imageInterview: Jonas Gerdes und Sebastian Schneider, Chicago
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Der Iran ist bei der Weltmeisterschaft dabei. (Foto: picture alliance / Anadolu)
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11.06.2026 | 19:06 Uhr

Bundestagsvizepräsident Omid Nouripour ist überzeugter Transatlantiker, Fußball-Fachmann und in Teheran geboren. Im Interview mit ntv.de spricht der Grünen-Politiker am Rande des DFB-Spiels in Chicago über alle drei Themen: über Trump, die deutsche Fußball-Nationalmannschaft und das iranische Team. Und darüber, was für eine WM er erwartet.

ntv.de: Herr Nouripour, eine Ewigkeit wurde darüber gesprochen, es geht nun endlich los: Verspüren Sie schon WM-Vorfreude?

Omid Nouripour: Immer. Ich schaue jede Fußball-Weltmeisterschaft, seit ich klein bin. Mein erstes Turnier ist jetzt 44 Jahre her - und ich habe immer versucht, jedes Spiel zu schauen. Das wird auch diesmal so sein. Wenn ich es live nicht schaffe, auf jeden Fall später.

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Es gibt einige Wundertüten: Angefangen bei der Elfenbeinküste, ein Gruppengegner der deutschen Nationalmannschaft, über Senegal bis hin zu Mexiko. Da kann niemand irgendetwas seriös vorhersagen. Und deshalb freue ich mich darauf, das wird spannend. Das Wichtigste ist aber, dass sich unsere Leute auf sich selbst konzentrieren. Das deutsche Team hat das Potenzial, Weltmeister zu werden, auch wenn wir nicht die Topfavoriten sind. Das sind andere: der Titelverteidiger Argentinien, Frankreich oder Spanien. Und noch Brasilien. Die aber vor allem wegen des Trainers Carlo Ancelotti, nicht wegen des Kaders.

Was die Vorfreude trübt, sind andere Themen, die diese WM begleiten. Die FIFA versucht, jeden Cent aus den Fußball-Fans zu pressen. Die Ticketpreise sind horrend, der Weg zum Stadion manchmal unbezahlbar. Was glauben Sie, für wen ist diese WM?

Ich fürchte, es ist kein Turnier für alle. Daran sind nicht die drei Gastgeberstaaten schuld, sondern die FIFA. Wenn man erst einmal einen gewissen Kontostand haben muss, damit man ein Fußballspiel schauen kann, dann verschwindet der ganze Zauber. Das ist nicht gut, das macht den Sport kaputt.

Und da ist auch noch der US-Präsident. Vor einem halben Jahr haben Sie es als "ekelhaft" bezeichnet, dass die FIFA einen neu geschaffenen Friedenspreis an Donald Trump vergeben hat. Wie sehen Sie das heute?

Unverändert. Als die FIFA diesen Friedenspreis damals verliehen hat, wurde das in einem Werbevideo begründet. Es ist aber so, dass viele Länder, die dort genannt wurden, immer noch keinen Frieden kennen. Im Gegenteil: Dazu sind ja noch weitere Kriege gekommen, die Trump begonnen hat. Es geht mir nicht in den Kopf: Die FIFA ist ein Weltverband, sie hat nicht nur einen WM-Gastgeber als Mitglied, sondern auch Staaten wie den Kongo oder Ruanda. Die Menschen in Ostkongo, für die die FIFA ja auch sprechen will, kriegen leider nichts mit von einem Frieden.

Der DFB ist auch Teil der FIFA, sitzt sogar im wichtigsten Entscheidungsgremium, dem FIFA-Council. Unmittelbar nach der Verleihung hat DFB-Präsident Bernd Neuendorf den Friedenspreis an Trump verteidigt. Sollte sich der deutsche Verband da kritischer positionieren?

Ganz grundsätzlich finde ich, dass sich Politik nicht in Sportbelange einmischen sollte. Wenn sich Sportlerinnen, Sportler und Sportfunktionäre äußern, dann begrüße ich das. Da gibt es sehr viele Persönlichkeiten, die mir gefallen: von Megan Rapinoe, die als US-Fußballerin lautstark für LGBTIQ*-Rechte eingetreten ist, bis hin zum deutschen Trainer Christian Streich. Aber wir sollten das aus der Politik nicht einfordern. Damit überladen wir den Sport. Fußball ist in erster Linie noch gegen den Ball treten.

Dann teilen Sie die Ansicht von DFB-Kapitän Joshua Kimmich, der sagt, dass die Spieler keine Experten sind und besser über den Sport reden sollten?

Da hat er recht. Wir als Politik dürfen uns nicht hinter dem Sport verstecken und glauben, dass er unsere Probleme löst. Als Politiker und auch Fan finde ich es ganz wundervoll, wenn unsere Nationalelf Erfolg hat. Das ist gut für die Stimmung im Land. Aber der fünfte Stern auf dem Trikot wird nicht dafür sorgen, dass die Bahn plötzlich pünktlich fährt oder die Benzinpreise sinken.

Nun sagt DFB-Präsident Neuendorf aber selbst, er ist im Verband für politische Belange zuständig?

Das ist er auch, aber vor allem für sportpolitische. Wie viel Förderung soll der Breitensport bekommen? Wie viel Geld braucht der Spitzensport? Wie kommen wir dazu, dass die ganzen Wartelisten bei den Fußballvereinen abgebaut werden, damit Kinder dort auch endlich Mitglieder werden können? Wie können wir unsere Sportstätten sanieren? Das ist alles sein Bereich. Wenn er sich sportpolitisch äußern will, dann ist er herzlich willkommen. Aber das bedeutet nicht, dass die Politik ihm irgendwelche Vorgaben machen sollte.

Noch einmal zurück zur FIFA. Hätten Sie erwartet, dass es innerhalb des Verbands gar keine Opposition gibt?

Das Schlimme ist doch, dass diese Art von Verschleiß an Seriosität tatsächlich Normalität geworden ist. Daran haben sich die Leute gewöhnt. Es geht ja nicht nur um die FIFA: Man überlegt, wie viele Lügen man noch hinterherrennen will. Und am Ende strecken die Leute dann teilweise die Waffen. Ständig kommen Menschen zu mir und sagen: "Ich habe keine Lust mehr, Nachrichten zu schauen." Und das ist schlecht.

Lassen Sie uns über die iranische Nationalmannschaft sprechen. Lange war unklar, ob sie an dem Turnier teilnimmt. Mit welchen Gedanken haben Sie das Hin und Her wahrgenommen?

Ich bin da zwiegespalten. Die iranische Nationalmannschaft hat in den vergangenen Jahren während der Proteste 2022 in Teilen der Bevölkerung relativ viel Rückhalt verloren. Wir wissen nicht, wie sie bei dieser Weltmeisterschaft auftreten werden. Zudem sind sie sportlich eine Wundertüte. Niemand weiß, was sie eigentlich können. Das ist eine im Schnitt uralte Mannschaft, bei der die besten Spieler teilweise aus offensichtlichen Gründen fehlen.

Wie?

Nehmen Sie zum Beispiel den ehemaligen Leverkusener Sardar Azmoun. Er hat sich nach Beginn des Krieges mit dem Emir von Dubai, Muhammad bin Raschid Al Maktum, ablichten lassen, kurz nachdem der Iran Dubai mit Drohnen attackiert hatte. Das Regime erzählte daraufhin: Dubai ist unser Feind, Azmoun ein Verräter. Nun fehlt er im WM-Kader. Die politische Einmischung ist offensichtlich. Das hätte seitens der FIFA eigentlich Konsequenzen haben müssen - hatte es aber nicht. Dabei verwahrt sich der Weltverband eigentlich politische Einflussnahme.

Wie geht die FIFA mit der Situation der iranischen Mannschaft in den USA um?

Der Verband versucht, das Instrumentalisieren von allen Seiten zu vermeiden. Das nimmt dann bizarre Züge an, wie beim Übernachtungsverbot für die USA. Das heißt: Sie fliegen beim möglicherweise entscheidenden dritten Gruppenspiel aus dem mexikanischen Tijuana nach Seattle zum Pride Match gegen Ägypten. Für die Leistung ist das sicher nicht förderlich - und Wettbewerbsverzerrung auch. Die iranische Nationalmannschaft wird am Ende aber auch nicht im Halbfinale stehen, deshalb ist das Ganze zeitlich limitiert.

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Sie sprachen die Instrumentalisierung an. Ist die iranische Nationalelf auch ein Propaganda-Instrument des Mullah-Regimes?

Natürlich. Bei einem Freundschaftsspiel im März gegen Nigeria trugen die iranischen Spieler beim Auflaufen kleine Schulranzen vor der Brust. Als Anspielung auf eine Mädchenschule, die die Amerikaner am ersten Tag des Iran-Kriegs bombardiert haben. Dabei wurden mehr als 170 Menschen getötet, darunter vor allem Schulkinder. Das ist ein vielleicht verständliches politisches Statement. Aber natürlich spielt das der Propaganda des Regimes in die Hände. Je weiter sie im Turnier kommen, desto mehr. Aber es geht nicht nur um das iranische Team.

Sondern?

Auch der amerikanische Präsident schmückt sich gern mit fremden Federn und nutzt sportliche Bühnen zur Selbstdarstellung. Das ist natürlich etwas grundsätzlich anderes als die staatliche Propaganda eines autoritären Regimes, zeigt aber, wie attraktiv der Fußball für politische Inszenierungen ist. Es war doch befremdlich, wenn er sich bei der Klub-Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in die Mitte des Siegerfotos von FC Chelsea schleicht.

Meinen Sie, eine ähnliche Szene wird es am 19. Juli nach dem WM-Finale auch noch einmal geben?

Ja. In jedem Land steht da ein Präsident bei der Pokalübergabe. Das ist normal. Aber dass er mit aufs Mannschaftsfoto kommt, das ist nicht normal. Ich gehe davon aus, dass das wieder passiert. In Frankfurt haben wir für so etwas auch schon mal einen Oberbürgermeister abgewählt.

Verwendete Quelle: ntv.de